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Aller guten Dinge [02/2012]

06/03/2012

…sind ja nunmal bekanntlich Drei. Jeden Monat dreimal Dinge die ich hörte, las, sah und lernte. Ohne Rücksicht auf Meinungen, die von meiner abweichen, Notwendigkeit der verbreiteten Information oder gar das Interesse des potentiellen Lesers. Ohne Anspruch auf Objektivität oder so. Zwischen pseudointellektuellem Kulturgedöns und Schrott. Zwischen „leider geil“ und „mehr so semi-super“. Diesmal: Februar – der Monat, der weniger Tage hat als alle anderen, deshalb schlecht drauf ist und die Menschen mit Temperaturen bis zu gefühlten minus 800 Grad ärgert.

Gehört. Ich liebe Musik. Ich höre jeden Tag Musik. Ich bin ein Musiknerd mit beängstigend viel nutzlosen Wissen. Ergo: diese Kategorie. *** „Es tut mir leid, doch ich muss leider gestehn, es gibt Dinge auf der Welt, die sind leider geil.“ Die stumpf daherstampfenden Elektrobeats mit eingängigen deutschen Texten von Deichkind gehört dazu. Leider? Viel getan hat sich auch auf dem 5. Studioalbum nicht viel bei den Jungs aus dem hohen Norden. Befehl von ganz Unten klingt immer noch ziemlich genauso wie „Aufstand im Schlaraffenland“ von 2006. Musikalische Weiterentwicklung, nein Danke! Schlimm ist das eigentlich nicht wirklich, denn das Konzept geht eben (leider) ziemlich gut auf. Ein daherkrachendes Monster wie „99 Bierkanister“ macht leider sehr viel Spaß beim Hören und sogar das schnulzige, an Alexander Marcus erinnernde „Der Mond“ sollte man eigentlich furchtbar finden, bei den Deichkids ist es aber eben leider geil, ebenso wie „Illegale Fans“, eine Hymne auf das illegale Herunterladen von Musik, produziert von Menschen, die vom Musikmachen leben. „Dieses Lied ist leider nicht verfügbar in ihrem Land / Unsere Antwort kennt ihr sicher, sie heißt Widerstand. / 6 Milliarden Terrabyte, die Leitung brennt wie nie / Das hier ist kein Klingelstreich, das ist Anarchie.“ Die ganze Platte bewegt sich textlich zwischen intelligenten Beobachtungen und Anspielungen und stumpfer Verherrlichung der eigenen Faulheit und Partygegröle à la „Roll das Fass rein“, jedoch nie ohne Augenzwinkern und stets mit der Deichkind-typischen Verweigerung jeglicher Zurschaustellung von Ernsthaftigkeit. Übersongs wie „Remmidemmi“ oder „Arbeit nervt“ sucht man zwar vergebens, aber bis auf einige Totalausfälle sorgt das neue Album durchgängig für gute Stimmung. Prinzipiell gilt bekanntlich sowieso, dass man die Hamburger live erleben muss um zu verstehen, was daran toll sein soll. Das zu beschreiben fällt schwer aber „wir befehlen euch zu feiern / euch an uns zu berauschen / und wenn ihr davon pischern müsst / dann lasst es einfach laufen“ gibt eine ungefähre Vorstellung. Mit diesem Image spielt die Band ganz bewusst – „Die Platte von Deichkind war nicht so mein Ding / Aber ihre Shows sind leider geil“ Diese Strategie zur Abwehr von Kritik ist nicht wirklich neu, effektiv ist sie aber trotzdem noch immer. Daher gilt: mal wieder alles richtig gemacht, ein Album abgeliefert das leider sehr geil ist und epische Textzeilen wie die folgende beinhaltet: „Ein Herz aus Hack / MIt Pfeffer, Salz und Zwiebeln / Ein Herz aus Hack / Soll die Liebe besiegeln.“ Man kann von der Musik halten, was man mag, Dummheit kann man Deichkind nicht unterstellen, denn dafür stellen sie sich einfach viel zu clever an. Oder um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: „Tu doch nicht so / Du magst es doch auch.“  ***  Nicht wirklich neue Musik und überhaupt garnicht mit dem vorhergegangen zu vergleichen aber auch ziemlich geil ist der folgende Song, über den ich im letzten Monat stolperte. Als Alternative zum stumpfen Elektro/Hip-Hop Hybrid biete ich daher feinste Gitarrenmusik aus dem Alterswerk eines der ganz großen Musiker der letzten Jahrzehnte an. Ich jedenfalls bin froh, dieses wunderbare Lied zufällig entdeckt zu haben und habe das dringende Bedürfnis, diese Erfahrung mit der Welt zu teilen. Hier geht es zum wunderbaren All The World Is Green von dem Mann mit der vermutlich markanteste Stimme im ganzen Musikgeschäft, Tom Waits. *** Außerdem hörte ich aus gegebenem Anlass von dem noch die Rede sein soll, endlich mal wieder ausgiebig Rainald Grebe. Später mehr dazu.

Gelesen. Ich studiere Europäische Literatur. Erklärung genug? Nein? Okay, ich schreibe unglaublich gern über Bücher, die ich gelesen hab. Auch wenns niemand juckt! *** Da sich auf dem Buchrücken schon Empfehlungen von so illustren Personen wie Elke Heidereich und Joschka Fischer befinden, muss ich ja eigentlich nicht mehr viel sagen. Weiß eigentlich jemand, in welcher Konjunkturphase der eigenen Körperfülle sich Joschka Fischer im Moment befindet? Zur Sache: Der Schatten des Windes vom spanischen Autor Carlos Ruiz Zafón ist trotz der oben genannten Empfehlungen ein recht gelungenes Buch, das man trotz seiner Fülle von Seiten schnell verschlingen kann. Es ist hauptsächlich eine Art Mystery-Roman, allerdings wesentlich besser als das jetzt zunächst klingt. Gleichzeitig bietet es nämlich noch eine Coming-of-Age Geschichte, einen mehr oder weniger historisch fundierten Einblick in die Franco-Ära, eine Liebeserklärung an das Lesen und vor allen Dingen an die Stadt Barcelona. All das ist dann irgendwie noch ganz nett verpackt und gut geschrieben, was den Erfolg des Buches wohl auch rechtfertigt. Lieber dieser Roman als all der andere Schund, der sich an der Spitze der Bestsellerlisten tummelt und in die „Zu verschenken“-Kiste aus der ich es herausgefischt habe, gehört es schonmal garnicht. *** Der Spaß am Lesen kann sogar einem begeisterten Leser wie mir gehörig vergehen, wenn man in einem Monat so viel Zeit damit verbringt, in der Bibliothek zu sitzen und endlose Texte von gestelzter Sekundärliteratur zu lesen. Über die Möglichkeiten der Literatursatire des Sturm und Drang möchte ich nicht ein weiteres Wort mehr verlieren, da ich finde, dass 20 Seiten Hausarbeit mehr als genug waren. Auf dem Foto der wunderschönen Marburger PhilFak sieht man übrigens ganz am unteren Rand des hinteren Turmes das Stockwerk, in dem ich die Hälfte des Ferbruars verbracht habe und ja, das ist genauso trostlos wie es aussieht. *** Viel Zeit zum Lesen blieb da nicht mehr und schon garnicht, um sich Gedanken über das Gelesene zu machen. Daher fällt mir auch kaum etwas zu Tonio Kröger ein, dem einzigen von 2 Büchern, die ich im Februar las – eine außergewöhnlich niedrige Zahl. Vielleicht noch so viel: es war das erste Buch, das ich überhaupt von Thomas Mann las – Asche auf mein Haupt – und irgendwie hoffe ich ja doch, das mich die anderen mehr fesseln werden.

Gesehen. Ich bin ein Fuchs. Ich nannte diese Kategorie bewusst nicht „Geschaut“ denn so kann ich im Notfall – wenn ich mal keine aufregenden Filme oder Serien sah – auch schreiben: „Diesen Monat sah ich die zugefrorene Lahn.“ Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss… *** Dass ich Rainald Grebe für den lustigsten Menschen in ganz Deutschland halte, sollte kein Geheimnis mehr sein. Ob alleine, mit Band oder mit Orchester, der Mann hat mich noch immer begeistert und doch hatte ich beim letzten Konzert mit Orchester in Bremen den Eindruck, eine allzu routinierte Show zu sehen. „Ich bin in letzter Zeit sehr berühmt geworden. Ich hab die Waldbühne in Berlin gerockt, ich bin mit einem Orchester durch die großen Hallen dieser Republik getourt. Alles wurde immer fetter, ich auch.“ So heißt es im Werbetext zum neuen Programm „Das Rainald Grebe Konzert„. Den letzten Punkt mit dem Plakat des Programms in Verbindung zu bringen wäre ein bisschen frech, aber auch okay. Dafür heißt es in der neuen Show wieder abspecken: es gibt Rainald pur, mit Klavier, Balletkleidchen und Indianerschmuck. Es gibt viele lustige Geschichten, Kinderfotos und gelungene neue Lieder. Endlich mal wieder gibt es ein Programm das einen roten Faden hat und durchgängig überzeugt. Als großes Finale gibt es im Kulturhaus Gotha – einem Gebäude, das laut „DDR-Bau“ schreit – die Hymne zur Anfahrt durch das ländliche Thüringen und das skurrile Publikum mit Orgelbegleitung: „Thüringen, Thüringen, Thüringen / Ist eines von den schwierigen Bundesländern / Denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen“ Ob es nun zurecht „das Land ohne Prominente“ ist, sei mal dahingestellt. Ein bisschen froh über das Autobahnschild „Willkommen in Hessen“ war ich zugegebenermaßen allerdings schon. **** Zweimal sah ich im Februar die Kassel Huskies in der Eissporthalle Kassel. Ich sah tolle Eishockeyspiele von denen vor allen Dingen das erste an Spannung und überraschendem Ausgang kaum zu überbieten war – und das wohlgemerkt in der dritten Liga. Was ich damit eigentlich sagen will? Weiß ich auch nicht genau. Dass Eishockey eine feine Sache ist und dass es sich wegen der Spannung, der Stimmung und überhaupt lohnt, sich das mal anzuschauen, am Besten in Kassel. Irgendwie steckt halt doch in jedem ein kleiner Lokalpatriot, auch wenn er sich gut verstecken kann. Wer immer noch nicht überzeugt ist, dem sei dieses Zitat von Steve Rushin ans Herz gelegt: „Mit 18 hat der durchschnittliche Amerikaner 200.000 Gewalttaten gesehen. Die Meisten davon treten in Spiel 1 in einem NHL Play Off Spiel auf.“  **** Bereits in der zweiten Ausgabe muss ich mich auf § 1 der Kategorie „Gesehen“ berufen und sage daher: „Diesen Monat sah ich die zugefrorene Lahn.“ Soweit ich weiß ist die aber ungefähr seit dem 100jährigen Krieg nicht mehr zugefroren gewesen und daher finde ich es schon irgendwie erwähnenswert. Andererseits ist das noch lange kein Grund, am Lahnufer alle 5 Meter einen Kunststudenten zu sehen, der mit seiner teuren Spiegelreflexkamera künstlerische Fotos davon schießt und rechtfertigt auch nicht gefühlte 500 facebook-Statusmeldungen mit dem Inhalt: „Winter Wonderland in MR ♥♥♥“ plus total individuellem Foto von der Person auf dem Eis. So hat eben alles seine zwei Seiten.

Gelernt. Jeden Tag lernt man neue Dinge. Manche sind nützlich, andere vollkommener Unsinn, den kein Mensch braucht. Ich möchte meine Erkenntnisse teilen, schrecke dabei jedoch keinesfalls davor zurück, beide Kategorien zu bedienen. *** Wie verkaufe ich diese Erkenntnis, ohne als bekloppt oder Alkoholiker abgestempelt zu werden? Ich bekam also im Februar aus verschiedenen Quellen Hinweise, mit einer Flasche kalten Bieres unter der Dusche zu stehen sei eine äußerst feine Sache. Da man sich neuen Dingen grundsätzlich nie verschließen sollte, tat ich es. Nun kann ich im Brustton der Überzeugung sagen, dass es wirklich eine feine Sache ist. Auf jedermanns „1000 Things To Do Before I Die“ Liste sollte es draufstehen, da es zudem noch ziemlich einfach zu erreichen ist. Jetzt kann man mich zwar als bekloppten Alki abstempeln, aber dafür weiß ich endlich wie es ist, sich unter dem prasselnden Wasser einer heißen Dusche einen Schluck herrlich kühlen Bieres zu genehmigen. *** Zwar stapelt er erst einmal tief und behauptet, so spontan keine Grundsatzrede liefern zu können, aber „Ich bin noch nichtmal gewaschen und bin also vor ihnen“ klingt doch irgendwie sehr grundsätzlich und sollte meiner Meinung nach zum Manifest von Joachim Gauck werden. Darüber, dass wir nun einen alten Mann zum Bundespräsidenten bekommen, der „überwältigt und ein bisschen verwirrt ist“ und vor lauter Verwirrung schonmal verkappte Nazis wie Thilo Sarrazin als mutig bezeichnet, lässt sich streiten. Das man jetzt aber auch als ungewaschener Mensch endlich zum höchsten Amt im Staat aufsteigen kann, halte ich persönlich für eine tolle Entwicklung. Gerade in Bezug auf Klimawandel und Trinkwasserknappheit in Afrika ein gutes Zeichen: Unsere Politiker duschen nicht zweimal täglich und sind außerdem sehr ehrlich. Demnächst bei der Pressekonferenz des Bundespräsidenten: „Meine Damen und Herren entschuldigen sie meine Verspätung, aber ich war soeben noch auf Toilette. Kacken.“ *** Als Zebroide werden Kreuzungen zwischen Zebras und anderen Tieren bezeichnet. Es gibt das Zorse (Zebra + Horse) und den Zonkey (Zebra + Donkey) Das klingt nicht nur super, sondern sieht außerdem noch extrem witzig aus. Ob Zebras jetzt weiß mit schwarzen Streifen oder schwarz mit weißen Streifen sind, weiß ich leider immer noch nicht, aber man soll sich ja schließlich an den kleinen Dingen erfreuen und ich verbuche diese Erkenntnis einfach mal als Teilerfolg.

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