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Um die Welt in 80 Songs – Drittes Kapitel

16/02/2012

Die Straße von Gibraltar ist an ihrer schmalsten Stelle genau 14.1400 Meter breit, wenn man sie schwimmend überqueren möchte, dann legt man aufgrund von Ströumungen und Abdriften in der Regel aber mindestens 20 Kilometer zurück. Trotzdem sind 6 Monate eine ziemlich lange Zeit, um diese Meerenge zu bezwingen. Ziemlich genau so lange ist es nämlich her, dass ein gewisser ‚King of Spain‘ uns nach Gibraltar führte und das weitere Schicksal dieser abenteuerlichen, wenngleich vollkommen fiktiven Erdumrundung in unsere eigenen Hände legte. Nach Afrika musste man also ohne fremde Hilfe gelangen und man kann sich ausmalen, wie beschwerlich das gewesen sein muss, wenn es ein halbes Jahr gedauert hat. Sollte mensch in der Zwischenzeit vergessen haben, was ich hier tue und sich fragen „Was soll der Mist eigentlich?“ möge er sich bitte hier einlesen. Sollte mensch danach immernoch denken „Was soll der Mist eigentlich?“ sei es ihm ausnahmsweise gestattet, diesen Blog umgehend zu verlassen. Fakt ist, dass wir wieder festen Boden unter den Füßen haben und uns somit endlich in Afrika befinden. „Mein Gott: Trommel, Trommel, Trommel. Der dunkele Kontinent. Ja, ja, Wiege der Menschheit – aber leider auch Wiege der Monotonie,“ hat Max Goldt einmal über afrikanische Musik geschrieben und auch wenn ich sonst dazu neige, diesem grandiosen Autor alles zu glauben, möchte ich mich nun doch selbst auf die Reise begeben und dem einmal auf den Grund gehen. Rein virtuell, versteht sich. Vámonos!

Ich muss gestehen, dass ich trotz allem unnütz-nerdigen Musikwissen ein Ignorant bin, wenn es um afrikanische Musik geht. Ich kenne mich da ganz einfach nicht aus und dementsprechend liegt eine ungewisse Reise vor unserer kleinen, fiktiven Reisegruppe. Um so beruhigender ist es da, von einem alten Bekannten in Empfang genommen zu werden. Africa Unite! schallt es uns von unserem neuen Reiseführer entgegen, bei dem es sich um keinen  Geringeren als den großen Bob Marley handelt. Gute 3.500 Kilometer begleitet uns die Legende an der Westküste Afrikas entlang auf unserer ganz persänlichen Rallye Dakar und ohne aus dem Nähkästchen zu plaudern oder Klischees bedienen zu wollen, kann ich wohl behaupten, dass es ein besonders entspannter Reiseabschnitt ist, den wir mit ihm zurücklegen und es trotz der Wüstenlandschaft, die wir passieren, selten an Grünpflanzen mangeln sollte. Entsprechend fröhlich ist die allgemeine Reiselaune, als Bob uns schließlich in der Hauptstadt des Senegal unserem neuen Reisebegleiter übergibt. Youssou N’Dour führt uns durch die grünen Regenwaldgebiete Südwestafrikas, wo wir auf Elefanten und Nashörner treffen und seinem Wissen lauschen: Immense, immese is your wealth / Immense, immense are your dreams / Dream again, Africa dream again. Während unsere Reisegruppe bisher zumeist in Begleitung der jeweiligen Einheimischen unterwegs war, ist der Kulturschock um so größer, als man mitten in Afrika auf Deutsche trifft. Nun ist es ja allgemein bekannt, dass diese quasi überall herumlungern und wenn man solchen Treffen daher schon nicht aus dem Weg gehen kann, so ist man doch heilfroh, wenn es sich bei den Landsleuten um Skamusiker handelt – schließlich trifft man im Ausland wohl lieber auf Sondaschule als auf schwitzende, dicke Deutsche in Safarianzügen. Froh gestimmt über diesen Umstand sind wir guter Dinge und feiern die Zusammenkunft erst einmal gehörig mit einem Tänzchen. Pogo in Togo ist angesagt und es wird ausgelassen gefeiert. Gut, dass niemand zuschaut, denn sonst würde es vermutlich gleich wieder heißen: „die peinlichen Deutschen im Ausland.“

Verkatert und kaputt trennen wir uns am nächsten Tag wieder von unseren neuen Freunden und machen uns bereit für die Weiterreise, die alles andere als spaßig werden wird, denn nun beginnt der ernsthafte Teil unserer Afrikareise. Nachdem wir uns bisher stets an der Küste aufhielten, betreten wir nun das Innere des Kontinents und damit auch ein Kriegs- und Krisengebiet. Wir sind in Darfur, im Süden des Sudan. Hier sind laut UN-Schätzungen seit 2003 im Bürgerkrieg 300.000 Menschen gestorben und auch wenn uns nichts ferner liegt als Katastrophentourismus, dürfen wir auf unserer Durchquerung Afrikas vor diesen schlimmen Zuständen nicht die Augen verschließen. Es bleibt ein mulmiges Gefühl und Dankbarkeit dafür, an der Seite von Mattafix zu reisen, die sich hier auskennen und ebenfalls nicht bereit waren, die Augen zu verschließen, sondern auf das Elend in Darfur explizit hinweisen. Ernstere Töne werden angeschlagen: There’s disaster in your past / Boundaries in your path [..] You don’t have to be extraordinary, just forgiving / Those who never heard your cries / You shall rise. Wir verlassen Zentralafrika nachdenklich, doch nicht ohne einen Funken Hoffnung. Sooner or Later we must try… Living. 

Unter diesen Eindrücken verläuft die weitere Reise nachdenklich und ohne weitere Zwischenstopps erreichen wir schließlich bereits die Südspitze des Kontinents. In Südafrika ist jedoch keineswegs aufgesetzt-gute Waka-Waka-Laune angesagt, denn in Gesellschaft von Dear Reader bleibt die Stiummung nachdenklich. Land, land of my birth / Are you my mother? / Or am I an orphan? / Where, where do I belong? / Will I find a place in this world? / Or forever just wander around. Das sind die Fragen, die sich wohl jeder Weltreisende gelegentlich stellt: bin ich eigentlich noch aus Reiselust unterwegs? Oder ist das eine Flucht, ein ewiges, zielloses Umherwandern? Um diese Fragen zu verdrängen wenden wir uns wieder unseren Gastgebern zu und den Problemen, die sie beschäftigen. Die Vergangenheit lastet schwer auf diesem Land – eine Tatsache die nicht zuletzt in der Musik deutlich wird. Please don’t look at me that way / I already live with the guilt that I own / From my forefathers‘ past, singt die südafrikanische Band mit britischen Wurzeln und bittet schließlich um Versöhnung mit der Begründung: Same, we’re both the same / We share the same hearts / We’re made of the same parts. 

Kaum optimistischer geht die Reise weiter in Richtung Süden. In Johannesburg ist es einmal mehr die Vergangenheit, die uns einholt, diesmal in Form von der Erinnerung an Aufstände in den Slums der riesigen Stadt. Well I hate it when the blood starts flowin / But I’m glad to see resistance growin / Somebody tell me what’s the word / Tell me brother have you heard / Of Johannesburg. Postiv daran ist lediglich, dass es uns diese vollkommen erfundene Form des Reisens ermöglicht, Südafrika in Gesellschaft des im letzten Jahr viel zu früh gestorbenen Musikers Gil Scott-Heron zu bereisen. Als ‚poet, jazz-musician and rap pioneer‘ bezeichnet in der Guardian in seinem Nachruf und ich bin mir sicher, für eine gemeinsame Fahrt von Johannesburg nach Kapstadt hätte es kaum einen interessanteren Reisebegleiter geben können. Dort angekommen treffen wir nicht nur The Young Veins, sondern machen auch eine andere, flüchtige Bekanntschaft. I saw you / I met you / I loved you / I left you / In Cape Town. Die Zeit rennt und dabei bleiben nunmal oft Dinge auf der Strecke und manchmal sogar Menschen, die man nie wieder sehen wird, denn ehe wir uns versehen befinden wir uns bereits auf dem Weg in Richtung Südamerika. Schwimmend werden wir den Atlantik wohl kaum überqueren können und es bleibt zu hoffen, dass nicht erneut ein halbes Jahr verstreichen wird, bis wir Festland betreten.

P.S.: Tracklist des dritten Reiseabschnitts: 21. Bob Marley: Africa Unite 22. Youssou N’Dour: Africa Dream Again 23. Sondaschule: Pogo in Togo 24. Mattafix: Living Darfur 25. Dear Reader: The Same 26. Gil Scott-Heron: Johannesburg 27. The Young Veins: Cape Town.

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