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F**ken und Bier – Das XY-Konzert der die ärzte

06/01/2012

Es scheint zwar ein allgemeines Ärgernis zu sein, aber mir kommt es so vor als ob es hier in Marburg besonders lästig sei. Egal, welchen Studiengang man gewählt hat, an einem elendigen Thema kommt man nicht vorbei: Gender. Auch mir ging es da nicht anders. Vor einigen Wochen saß ich also frühmorgens in einem Seminarraum und hörte (mehr oder weniger) erwachsenen Menschen dabei zu, wie sie mit mir rätselhafter Ernshaftigkeit so bedeutsame Dinge diskutierten wie die Frage, warum wir in öffentlichen Gebäuden eigentlich geschlechterspezifisch getrennte Räume aufsuchen um unsere Notdurft zu verrichten. Hurra, dachte ich und wünschte mir, ich hätte an diesem Morgen statt der gewohnten Tasse Kaffee hochprozentigen Alkohol zu mir genommen. Es hätte die folgenden anderthalb Stunden vermutlich leichter gemacht. Anfangs noch belustigt, später immer verzweifelter hörte ich mir Diskussionsbeiträge wie „in der Grundschule hatte ich kurze Haare und habe Jungensachen getragen, da haben mich alle gleich ganz anders behandelt“ an und musste irgendwann feststellen, dass meine Kopfschmerzen keineswegs von einer Abneigung gegen den Themenkomplex an sich stammten, sondern darauf zurückzuführen waren, dass ich unentwegt den Kopf auf die Tischplatte schlug. Vollkommen am Ende meiner Nerven verließ ich 90 kaugummizähe, endlose Minuten später den Seminarraum und hoffte, mich nie wieder mit so einem Scheiß befassen zu müssen – es wäre nämlich tatsächlich auch mal nett, sich zur Abwechslung wirklich mit Literatur zu beschäftigen. Trotzdem freute ich mich auf eine Lehrstunde in praktischen Gender Studies, als ich auf der Homepage meiner langjährigen Lieblingsband folgende Ankündigung las: Die Ärzte spielen im Dezember 2011 an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwei Konzerte in der Dortmunder Westfalenhalle. Ein Konzert ausschließlich für Männer, eines für Frauen. Auch die beste Band der Welt weiß natürlich, dass es Leute geben würde, die sich daran stören würden und antwortet im Vorraus auf die Frage „ICH BIN TRANSGENDER ODER CROSSGENDER ODER IM FALSCHEN KÖRPER GEBOREN ODER TRANSVESTIT/IN ODER TRAVESTIT/IN ODER SCHWUL ODER LESBISCH ODER VERKLEIDE MICH GERN ALS DAS ANDERE GESCHLECHT.“ mit der einfachen Antwort: „Das spielt keine Rolle. Für das XY-Konzert galt: Entscheidend ist der Geschlechts-Status als MÄNNLICH im Sinne des gesetzlichen Melderegisters.“ Das Schöne an dieser Band ist eben, dass sie sich einen feuchten Dreck darum schert, was man über sie denken könnte. Sie machen einfach. All jenen, die sich dadurch in irgendeiner Form gekränkt fühlen und meine oben getroffenen Aussagen für sexistisch/patriarchalisch/phallozentrisch halten, sei an dieser Stelle noch eines gesagt: es interessiert mich ungefähr so viel wie die Tatsache, dass Gerüchten zufolge in der Volksrepublik China kürzlich ein Sack Basmati umfiel.

Soweit also die Theorie, aber wie sieht das in der Praxis aus, wenn die nahezu ausverkaufte Westfalenhalle sich ausschließlich mit Männern füllt? An der Halle angekommen zunächst einmal wie vor einem typischen Ärztekonzert. Ein Haufen Menschen mit bedruckten T-Shirts und Kapuzenpullovern drängt sich vor den Eingängen. Es wird Bier getrunken und viel geraucht. Auffallend ist lediglich die relative Ruhe. Niemand singt irgendwelche Lieder, niemand ruft Dinge durch die Gegend – das ist dann doch eher untypisch. An den – selbstverständlich männlichen – Securitymenschen vorbei, platzt im Halleninneren zunächst einmal die Illusion. Leider ist nicht einmal die diktatorischste Band der Welt in der Lage, den lokalen Betreibern vorzuschreiben, wer am Ausschank arbeitet oder für das Rote Kreuz anwesend ist. Andererseits ist auch die Relation von etwa 20 weiblichen Notfallhelferinnen und Bierverkäuferinnen im Vergleich zu ca. 11,000 männlichen Konzertbesuchern noch immer ziemlich beeindruckend. Auf der offiziellen Homepage war augenzwinkernd vor „längeren Wartezeiten vor den Bier-Abgabestellen“ gewarnt worden – eine Prognose, die sich nun bestätigt. Aber auch vor dem Männerklo bildet sich eine lange Warteschlange. Beim Stehen am Pissoir sagt jemand: „Und gestern haben vermutlich die Weiber hier gestanden und gepinkelt.“ Im Innenraum ist die Stimmung noch ruhig, niemand kreischt „Bela!!!“, lediglich hin und wieder werden Fußballgesänge angestimmt. Noch riecht es nicht nach Schweiß sondern lediglich nach Bier und Gras. Kurz vor Konzertbeginn erwachen die Großbildschirme neben der Bühne zum Leben und zeigen ein Bild von zwei silbernen Felgen. Die Menge gröhlt. Während der nächsten Minuten folgen Bilder von Frauen in Bikinis, Autos, Biergläsern, Schnitzeln, Baumärkten und Hamburgern mit Pommes. Die Reaktion wiederholt sich stets. Das ist eben das Schöne an Klischees – sie sind verdammt unterhaltsam.

Und dann geht es los. Zunächst mit einem Video, dass Belafarinrod beim Verlassen des Backstagebereiches zeigt. Sie bewegen sich durch die Niederungen der Westfalenhalle, augenscheinlich in schwindelnden Höhen. Plötzlich löst sich mitten über dem Publikum ein Stück der Hallendecke und kommt stetig näher. Während 22,000 Augenpaare gebannt in die Mitte der Halle schauen und langsam realisieren, dass es sich bei den drei Personen, die dort herabgefahren kommen, um Menschen mit Perücken handelt, fällt der Vorhang, die Ärzte stehen auf der Bühne und beginnen zu spielen. Es ist auf den Tag genau 8 Jahre her, dass ich diese Band zum allerersten mal live zu sehen bekam. In der Zwischenzeit habe ich fast 10 Konzerte von ihnen besucht und würde trotz allem behaupten, irgendwie etwas reifer geworden zu sein. Doch als sie das erste Lied zu spielen beginnen, bekomme ich eine Gänsehaut und fühle mich wieder genau wie damals, mit 14 Jahren in der Frankfurter Festhalle. Die Setlist spricht ihre eigene Sprache. Auf „Junge“ folgt „Ein Mann“ und im Anschluss der 45-Sekunden-Kracher „BGS“. Nach wenigen Sekunden entstehen die ersten Pogokreise, wovon mancher überrascht wird – verschüttetes Bier ist überall. Mit „Gentlemen and Gentlemen – das Verstellen hat ein Ende“ wird das Publikum begrüßt und erst einmal deutlich gemacht, dass die Erwartungen nach dem gestrigen Frauenkonzert hoch sind. „Es war sehr romantisch, niemand hat ‚Scheiß-Tribüne‘ gerufen und als wir Brüste gesehen haben, wölbte sich nicht so’n haariger Bauch darunter.“ Als Reaktion beginnen selbstverständlich sofort ‚Scheiß-Tribüne‘-Sprechchöre.

Es folgt der ganz normale Wahnsinn eines Ärzte-Konzerts. Knappe 3 Stunden Musik, unterbrochen von Rumgealber seitens der Band und einem Publikum, das wirklich bei jedem Scheiß mitmacht, den sich die drei Idioten auf der Bühne so ausdenken. Trotzdem ist es ein besonderes Konzert; die kleinen aber feinen Unterschiede machen das deutlich. Da wäre zunächst einmal die Auswahl der Songs. Ein Blick auf die Setlist offenbart zunächst einen deutlichen Mangel an langsamen Liedern und Balladen. Ein Kracher folgt auf den nächsten, konsenquenterweise endet das Konzert mit dem vollkommenen Trümmersong „Dauerwelle vs. Minipli“. Vom Publikum wird dies dankend angenommen, was sich mit meinen eigenen, privaten Forschungen auf dem Gebiet der Gender Studies durchaus deckt. Schon lange vertrat ich die These, derzufolge Männer einzig aus dem Grund der Anwesenheit von Frauen der Aktivität des Tanzens nachgehen. Beim Konzert hat dies zur Folge, dass es grundsätzlich nur 2 Möglichkeiten des Bewegungsausdruckes zu beobachten gab. 1.) lässig dastehen; mit dem Kopf und den Füßen mitwippen und 2.) Pogo. Dieser Tanzstil, der im Wesentlichen darauf aufbaut, andere Menschen durch die Gegend zu schubsen und sich anzuspringen, wurde prinzipiell zu jedem Lied begangen – zurecht. Wenn nicht für diesen Abend, ich wüsste nicht wofür Pogo dann erfunden worden sei. Bei Liedern mit mittlerem oder gar langsamen Tempo kann das bisweilen etwas seltsam anmuten. Die ‚Wall Of Death‘, eine Spielart des Pogo, bei der sich das Publikum aufteilt und große Freifläche bildet, in die man anschließend mit hoher Geschwindigkeit stürmt, ist an sich eine feine Sache. Leider beruht sie auf dem Prinzip von Musikstücken, die zunächst langsam sind und an einer bestimmten Stelle schneller werden. Beim falschen Lied jedoch führt sie dazu, dass ein Haufen Männer sich im Abstand von 10 Metern gegenübersteht und irritiert guckt, wenn allgemein festgestellt wird, dass dieses Lied ganz einfach nicht schneller werden wird. Außerdem fällt in Bezug auf die Setlist noch auf, dass man für diesen Abend einige untypische Stücke ausgewählt hatte. Viele Singles und Klassiker sucht man auf der Setlist vergebens, während andere Lieder gespielt wurden, die man schon lange nicht mehr live zu Gehör bekam. Sollte sich doch einmal ein langsamer Song eingeschlichen haben, so wurde er einfach aufgepeppt – im Fall von „Omaboy“ mit einer 6minütigen Feuerwerkorgie, die Rammstein vor Neid erblassen ließe und in Kombination mit dem bescheuerten Text des Liedes einfach nur ein weiteres Highlight des Absurden bot.

Zwischen den Liedern zeigt sich auf der Bühne das gewohnte Bild. Farin und Bela präsentieren sich in bester Laune und versuchen sich gegenseitig mit bescheuerten Ansage zu übertrumpfen, während sich Rod wie so oft eher zurückhält. Zwar lassen sie es sich nicht nehmen, aktuelles Zeitgeschehen von Guttenberg bis Wulff zu kommentieren, jedoch überwiegte eindeutig das Alberne und Niveaulose. Eine von der Band initiierte Laola, die vom Publikum minutenlang weitergeführt wurde, führt Farin Urlaub zu der Erkenntnis: „Sind Männer einfacher glücklich zu machen? Ich sag jetzt schonmal ja.“ Dies wird wohl nur noch von der einige Zeit später angeleierten Rülps-Laola übertroffen, die augenscheinlich sogar die Ärzte in Erstaunen versetzte darüber, wozu sich ihr Publikum breitschlagen lässt. Der unangefochtene Höhepunkt des Abends sowohl in Sachen Niveaulosigkeit, spontanem Herumgealber und Publikumsbeteiligung erfolgte aber mit der Komposition eines neuen Liedes, welches diesem Artikel seinen Namen leiht. Auf einem uff-ta-ta Bierzelt Rythmus beginnen Farin und Bela damit, sich mit immer neuen Zeilen zu übertrumpfen, die sich stets auf den vom Publikum gegrölten Slogan „Ficken und Bier“ reimen und im Handumdrehen wird daraus ein Selbstläufer. Fast jedes folgende Lied ist fortan durchsetzt von Einschüben dieses neuen Hits; das geht soweit, dass Farin schließlich das Fazit zieht: „Weiß du Bela, ich reize Witze gerne bis zu ihrem Ende aus. Du hingegen tötest sie und ziehst sie danach noch 2o mal durchdie Hauptstraße.“ Als die Band schließlich die Bühne verlässt verlangt das Publikum nicht nach einer Zugabe – unter „Ficken und Bier“-Sprechchören kehren Belafarinrod zurück auf die Bühne um ihre Zugaben zu spielen und fassen die Lage treffend zusammen: „Das ist wie Junggesellenabend hier. Nur größer und mit schlechterer Musik.“

Für die Zugabenblocks kramt die Band dann nochmal ein paar ungewöhnliche Lieder, inklusive dem immer noch indizierten ergo bei Auftritten verbotenen „Geschwisterliebe“, aus der Kiste, jedoch schlich sich so langsam ein Gefühl der Erschöpfung ein – das ist zumindest mein Eindruck. Zwar wurde bei „Zu Spät“ wie gewohnt ellenlang improvisiert und umgedichtet bis es wie ein Lied über Elche anmutete, doch trotzdem konnte ich mich dem Eindruck nicht erwehren, dass besonders bei Farin die Spielfreude bereits am Ende war – ein seltsames Vorzeichen im Hinblick auf die große Deutschlandtour im nächsten Jahr. Auch ich musste mir eingestehen, deutlich kaputter zu sein als erwartet – ob das nun an den vielen schnellen Stücken und dem Körpereinsatz beim Pogo oder daran lag, dass ich eben doch nicht mehr so jung wie vor 8 Jahren bin sei einmal dahingestellt – und gönnte mir daher eine Pause, in der ich den erfolglose Versuch unternahm die übertriebenen 2 Euro Pfand für meinen Bierbecher zurückzuerobern. Dies wuchs sich zu einer Unmöglichkeit aus, da es in der gesamten Westfalenhalle kein Kleingeld zur Pfandrückgabe mehr zu geben schien. Zum Abschluss ließen sich die Ärzte dann nicht lumpen und verließen die Bühne standesgmäß – in einem Helikopter. Dieser wurde unter lautem Getöse auf die Bühne heruntergelassen, nahm seine drei Passagiere auf und wurde anschließend wieder in die Höhe gezogen. Mit „Geschlechtsgenossinnen und Genossen. Männer, Dankeschön! Ihr habt es überstanden, das XY-Konzert mit den drei Volltrotteln aus Berlin“ verabschiedet sich die Band. Während ich mich beim Verlassen der Halle fragte, wie lange die Super Drei hinter dem Vorhang wohl noch in der Luft hingen, bin ich komplett durchgewschwitzt und mir tut so ziemlich alles weh.Ich bin heiser, denn auch wenn ich schon ewig nicht mehr die Ärzte gehört hatte, kann ich selbstverständlich jeden Text immernoch mitsingen. Ich bin vollkommen fertig und sehr glücklich. Am Auto angekommen ziehe ich ein frisches T-Shirt und den Ärzte-Pullover, den ich eigentlich nur noch zuhause zum Gammeln trage, an und erfreue mich der Tatsache, dass ich mit einer Mitfahrgelegenheit unterwegs bin und nicht selber die 150 Kilometer durch die Nacht fahren muss. Es ist ein bisschen wie vor 8 Jahren – mit 14, als Mami und Papi mit nach Frankfurt kamen und uns nach dem Konzert nach Hause fuhren.

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