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Elf mal Zweitausendelf

03/01/2012

Ein Jahr ging soeben vorbei, ein neues hat bereits mehr oder weniger begonnen. Der Silvesterpartykater ist einigermaßen verkraftet und wider Erwarten haben die Kinder in meiner Nachbarschaft es nicht geschafft, den gesamten Stadtteil mit ihren bescheuerten Böllern in die Luft zu jagen. Außerdem teilt mir WordPress in einem mit Animationen aufgemotzten, sogenannten Jahresrückblick mit, dass man mit den Menschen, die 2011 diesen Blog lasen, 4 New Yorker U-Bahnen füllen könnte. Das ist selbstverständlich ein etwas beschönigendes und blödsinniges Bild, aber mir gefiel es trotzdem recht gut und ich fühlte einen spontanen Anflug von Dankbarkeit gegenüber jedem der Fahrgäste. Und gegenüber dem Zugführer. Auch den New Yorker Stadtwerken sei hiermit gedankt, achja and I want to thank God. Gleichzeitig fiel mir auf, dass der letzte Artikel schon eine halbe Ewigkeit zurückliegt, die Passagierzahlen dieses kleinen Internetubahnzuges langsam aber sicher stagnieren und es daher höchste Zeit ist für einen eigenen, kleinen Jahresrückblick. Keine Angst, ich werde nicht darüber reden, was für bahnbrechende Erkenntnisse ich in diesem Jahr über die Menschheit gewonnen habe. Zur Abwechslung werde ich versuchen, nicht nur über mich zu reden, sondern über mein zweitliebstes Thema. Kultur oder so. Das was ich dafür halte, das was mir erwähnenswert erscheint. Eine vollkommen subjektive, trotzdem nicht ganz wahllose Auswahl. Elfmal Kulturähnliches aus Zweitausendelf.

Casper: XOXO „Ich bin für Stuttgart 21, jetzt bewerft mich nicht mit Dreck. Ich will schneller nach Ulm, vor allem schneller wieder weg.“ Zu sagen, dass man deutschen Hip Hop mag ist ja auch ein bisschen so, als würde man sich zu Stuttgart 21 bekennen. Irgendwie auch genauso bedeutungsvoll. Ich tue das jetzt. Ich mag deutschen Hip Hop. Immernoch. Besonders dieses Jahr. Sich 2011 zu Casper zu bekennen ist dann unter Hip Hop Fans so etwas, wie unter den Parkschützern S21 zu loben. Ich mache das trotzdem. Auch mir gefällt es nicht, die gleiche Musik zu mögen, wie Menschen denen man irgendwie keinen Musikgeschmack zutraut. Auch ich bin nicht begeistert davon, Musik von jemand zu mögen, der auf einmal in der Wendy auftaucht und auf den Bravo Hits. Davon lasse ich mir aber bestimmt nicht den Spaß an guter Musik verderben und ich finde das Album von Casper ist ein verdammt gutes Stück Musik. 5 Kronen in der Juice sprechen für sich. Die Grundstimmung die das Album vermittelt macht auch einige schwache Songs locker wett. Für mich eines der Alben des Jahres.

Prinz Pi: Rebell ohne Grund. Wenn ich schon einmal dabei bin mich zu meiner heimlichen Leidenschaft für deutschen Hip Hop zu bekennen, dann kann ich ja eigentlich auch gleich weitermachen. Auch dies ein äußerst gelungenes Album mit einigen Schwachpunkten. Man kann wohl von einem Mann, der jeden Gedanken, der im durch den Kopf geht, zu Papier zu bringen und veröffentlichen zu scheint, nicht erwarten, dass jeder Track eine Granate ist, aber alles in allem beweist „The Artist Formerly Known As Prinz Porno“ einmal mehr, dass er so ziemlich der Größte ist, den es in Deutschland momentan gibt. Vielleicht ein bisschen zu liebesliedlastig, aber solange dabei Lieder wie „Laura“ entstehen ist das eigentlich auch wurscht. Ungenannt sollen bitte auch nicht die großartigen EPs von Maeckes („MANX“), sowie Audio88 („Die Erde ist eine Scheide“) bleiben, aber wenn ich jetzt noch mehr von Hip Hop rede, dann liest ja wirklich niemand mehr weiter.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2 ist wohl der beste Film aus 2011 den ich in diesem Jahr sah. Ich muss zugeben, dass ich in diesem Jahr nur einen anderen Film im Kino sah – einen stinklangweiligen Börsenfilm, der in der Sneak Preview lief, den ich mir wohl unter normalen Umständen niemals angesehen hätte. Da sich unter den erfolgreichsten Filmen des Jahres in Deutschland aber unter anderem Streifen wie Kokowääh, der gefühlte 38. Teil der Twilight Saga und Die Schlümpfe in 3D tummeln, bereue ich es nicht unbedingt allzu sehr, nicht öfter Unmengen an Geld im Kino ausgegeben zu haben. Trotzdem maße ich mir an, zu beschließen, dass der letzte Harry Potter wohl der wichtigste Film des Jahres war. Ein Machwerk überladen mit Actionszenen und Kitsch, aber eben irgendwie angemessener Kitsch und dufte Action. Es ist zu oft gesagt worden, um nicht mehr nicht als Klischee durchzugehen, aber mit Harry Potter sind viele Menschen aufgewachsen, zu denen ich mich wohl auch irgendwie zähle. Das ist nun vorbei, nie mehr wird man auf das neue Buch, den neuen Film warten. Schade ist das schon, denn letztendlich ist und bleibt Harry Potter etwas Fantastisches. Etwas übertrieben Kommerzialisiertes und Ausgeschlachtetes und doch Wunderbares.

The Streets: Computers and Blues. Okay, ein allerletztes mal Hip Hop. Versprochen. Zumal ein allerletztes mal The Streets. Wieder einmal bin ich begeistert vom Schaffen dieses Mannes, auch wenn mich die Tatsache, dass dies das letzte Album sein wird, vielleicht ein bisschen auf dem rechten Ohr taub macht und mich alles mit Begeisterung abnicken lässt. Aber wer mit einem so verdammt charmanten englischen Akzent so verdammt lässig über gelungene Beats rappt, der hat es verdient, mit Lob überschüttet zu werden. „Blip On A Screen“ – ein Lied über seinen ungeborenen Sohn und dessen Ultraschall – ist einer der schönsten Hip Hop Tracks den ich je hörte. ‚“I’m packing up my desk, lock the locks and leave“ verkündet Mike Skinner im letzten Song des Albums und das ist verdammt schade. Ich hätte vermutlich jedes weitere seiner Alben gefeiert.

Jonlajoie. Da dies scheinbar ein Jahresrückblick voller Offenbarungen ist folgt hier die nächste: ich bin ein youtube-Opfer. Nein, ein youtube-Knecht. Das sagen die coolen Kids heute. Opfer ist total 2010. Ehrlich, ich habe das im Bus beobachtet. Wie auch immer, ich bin einer dieser Menschen, die Stunden damit verbringen sich uralte Aufzeichnungen von Spielshows aus dem deutschen Fernsehen anzugucken, die sie schon auswendig kennen. Oder Nachrichtenversprecher. Oder amerikanische Late Night Shows. Oder Videos mit goldigen Kätzchen, die Instrumente spielen. Einmal auf dieser Seite gelandet fällt es mir schwer, sie wieder zu verlassen und eines meiner liebsten Hobbys besteht darin, mich mit anderen Menschen zu messen, was youtube-Wissen angeht. „Kennst du eigentlich dieses Video in dem….“ ist einer meiner liebsten Sätze im alltäglichen Sprachgebrauch. Die Videos von Jonlajoie sind so ziemlich das lustigste, das ich in den Stunden die ich 2011 an youtube verschwendet habe, deren Anzahl ich bitte nicht wissen will, gesehen habe. Man braucht zugegebenermaßen einen etwas kranken Sinn für Humor um über den Kanadier zu lachen, aber wenn man über den verfügt wird man ein paar großartige Stunden dabei haben, sich durch seinen youtube-Channel zu klicken. Ich hatte die zumindest. Eins noch: ist zugegebenermaßen ein echtes Wort oder nicht? Ich will es  ständig gebrauchen und denke doch, dass ich nicht sollte. „I don’t even give a fuck about not giving a fuck / So I do give a fuck / Wait… What?“

How I Met Your Mother

Dieser Eintrag ist schon viel zu lang, deshalb mache ich es kurz: HIMYM ist so ziemlich die beste Fernsehserie, die 2011 über die Bildschirme flimmerte. Flimmern ist albern in Zeiten von HD und Blue Ray, aber es klingt so schön. Die wahrscheinlich einzige Serie momentan, die dazu animiert Gespräche wie das folgende zu führen: „Hast du die neue Folge gesehen? Unglaublich oder? Ich hätte nicht gedacht, dass sie das bringen! Ich wünschte die nächste Folge wäre endlich online. Ja aber glaubst du nicht auch, dass Robin…“ Lustig, suchterregend, zum Mitfiebern, zum Drüberreden = verdammt gut. Ach zwei Dinge noch: 1.) Es ist ein Klischee und klingt arrogant&ätzend aber: auf Englisch gucken ist Ehrensache, da so unglaublich viel besser. 2.) Zu fragen „Weiß man denn jetzt endlich wer die Mutter ist?“ war noch nie witzig und wird niemals witzig sein. Punkt.

Beatsteaks: Boombox. Großartige Band. Erneut großartiges Album. „Milk & Honey“ eine grandiose Single. Live gigantisch, das Open Air Konzert in der Berliner Wuhlheide eines meiner Highlights des Jahres. Man sollte meinen, sie müssten irgendwann mal schlechter werden, doch das tun sie nicht.

Max Goldt: Penisg’schichterln aus dem Hotel Mama. Unter den elf ausgewählten Kulturgedönsen befindet sich kein einziges Buch. Korrekt. Das liegt nicht daran, dass ich nicht gern lese. Das wäre eine leicht unsinnige, aber erstaunlicherweise nicht ungehörte Eigenschaft für jemanden der „Europäische Literatur“ studiert. Ich las durchaus in 2011, aber unter den ca. 60 Büchern die ich las befand sich lediglich eins aus diesem Jahr und das war vermutlich eines der, wenn nicht das schlechteste dieser Bücher. Ich gelobe, mehr aktuelles zu lesen im nächsten Jahr, sobald ich mit Goethe durch bin. Achja und Shakespeare. Und dann wollte ich auch noch ein oder zwei Romane von Dickens lesen. Ich denke die Problematik wird einigermaßen deutlich. Wenn also schon kein Buch, dann zumindest ein Hörbuch. Max Goldt ist der Größte. Das einzige was besser ist als seine Texte ist eine Lesung, in der der Autor persönlich diese Texte vorliest. Danach kann man sie nicht mehr lesen, ohne seine Stimme im Hinterkopf zu haben. So geht das. Max Goldt kann in einer Lesung ein Bilderbuch vorlesen. „Auf dem ersten Bild ist … zu sehen, und darunter steht … “ Max Goldt kann Bilderbücher vorlesen, ich höre es mir auf CD an und finde es gut. Muss ich mehr sagen? Der bescheuerte Titel sei verziehen. Max Goldt kann viel, aber irgendwie keine Buch- oder Hörbuchtitel.

Hugh Laurie: Let Them Talk. Schauspieler sollten keine Musik machen. Wahr. Aber wenn es sich um Schauspieler handelt, die ein großes musikalisches Talent haben und noch dazu so coole Säue sind wie Hugh Laurie a.k.a. Dr. House, dann darf man wohl eine Ausnahme machen. „Let Them Talk“ ist ein Album, von dem man leicht vergessen kann, wie gut es eigentlich ist. Das ist einerseits schade, andererseits aber top, da man so immer wieder von seiner Qualität überrascht werden kann, wenn man es anhört. Es ist ein Album, das sich nicht aufdrängt sondern auf leisen Sohlen daherkommt. Man merkt Hugh Laurie an, dass er die Musik die er macht – lockere Bluesmusik, zu der automatisch der Fuß mitwackelt – von ganzem Herzen liebt. Er orientiert sich an alten Meistern, die er schätzt, ohne dabei bloß zu kopieren. Die Musik klingt gleichzeit angenehm vertraut und altmodisch, gleichzeitig modern und zetgemäß. Mehr davon bitte. Trotzdem auch mehr Dr. House. Und den zweiten Roman am besten auch. Mehr Hugh Laurie einfach.

Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung. Wenn der lustigste Mann der Welt (meiner bescheidenen Meinung nach) auf die Idee kommt, sich ein 10 köpfiges Orchester auf die Bühne zu holen – sofern ich mich nicht verzählt habe – dann kann das Ergebnis eigentlich nur begeistern. Genie und Wahnsinn liegen genauso nah beisammen wie Anarchie und perfekt durchgeplante Show auf der Bühne. Zugegebenermaßen – da ist das Wort schon wieder – beim zweiten Mal nicht mehr ganz so lustig, da irgendwie mittlerweile auf der zweiten Tour zu routiniert, aber dennoch so ziemlich das beste Liveerlebnis des Jahres. Die Platte dazu eher schwach im Vergleich zum meisterhaften Restwerk des Mannes, aber Herr Grebe bleibt für mich „Diktator der Herzen“. Außerdem 2012 wieder mit neuem Soloprogramm auf Tour. Sollte sich niemand entgehen lassen. Mehr Lob übrigens noch einmal hier nachzulesen: Werbung in eigener Sache.

Bloons Tower Defense 5. Zum Abschluss soll der Begriff „Kultur“ noch einmal etwas ausgeleiert werden. Ein Onlinespiel, dessen Ziel darin besteht, Affen damit zu beschäftigen Luftballons zum Platzen zu bringen, als Kultur zu bezeichnen ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt. Mir übrigens total egal, ob man es so nennen kann oder nicht. Ich mach es einfach und außerdem sage ich: dieses Spiel ist absolut das Beste wo gibt. Ich wünschte ich könnte die Stunden, die es mir raubt, sinnvoller nutzen, aber es geht einfach nicht. Man sollte dieses Spiel lieber nicht spielen, denn es macht süchtig. Andererseits sollte man es auf jeden Fall spielen, denn es macht unmenschlich Spaß. Ich bin fertig hier, werde jetzt eine Runde Bloons spielen, wirklich nur eine. Oder zwei. Hoffe, dass ich Ende 2012 fertig bin mit diesem blöden Spiel. Und dass es bis dahin Teil 6 gibt. Wenn nicht ist auch egal, Welt geht ja eh unter. Frohes Neues Jahr!

One Comment leave one →
  1. 03/01/2012 8:09 pm

    Haha, Literatur studieren und vor lauter Shakespeare- und Goethe-Lektüre nicht dazu kommen mal privat was zu lesen. Kommt mir seltsam bekannt vor 😉 Aber ich bin ja auch Ex-EuroLitter.

    Dann wünsch ich dir mal ein schönes kulturelles Jahr, viel Spaß beim Bloggen und so weiter.

    Beste Grüße,
    Deborah

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