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Die Realität ist immer mickriger als die Fantasie

01/10/2011

Eigentlich ist es doch am besten, gar nichts zu wissen. Okay das klingt jetzt nicht wirklich so toll, wie ich dachte. Das klingt ja so, als ob es total knorke sei, als ungebildeter Schmock in der Welt herumzuvegetieren und sich seine Weltsicht von der Bildzeitung aufdiktieren zu lassen. Ich versuche es noch mal: Es ist – manchmal, allerdings nicht immer – durchaus okay, sich nicht hundertprozentig im Klaren zu sein, was man zu erwarten hat, denn so kann man positiv überrascht werden und das ist schön. Naja, irgendwie schon besser. Frei nach diesem soeben erfundenen, zugegebenermaßen noch recht holprigen Lebensmotto handelnd, ließ ich mich also nach Frankfurt leiten, ging immer schön brav hinterher, da ich nicht wusste wo es hinging und ließ mich einfach mal überraschen. Gut gefiel mir an Frankfurt, dass es Kontraste darbot. Aus der S-Bahnstation heraufsteigend und immer noch darüber nachgrübelnd, warum eine unterirrdisch fahrende S-Bahn eigentlich keine U-Bahn ist, fand man sich zunächst in suboptimaler Nachbarschaft mit baufälligen Hotels vor. Eine jener Wohngegenden eben, in der man erwartet den guten Haftbefehl und seine Freunde hinter jeder Straßenecke anzutreffen. Ein paar Minuten Fußweg später ist man dan auf einer großen Straße am Main, passiert das lokale Eroscenter und steht schließlich vor einem protzigen Prachtbau mit schicken Säulen und allem Drum und Dran, das sich Literaturhaus Frankfurt nennt. Auch hier riecht es zwar vor der Tür noch unterschwellig nach Urin, dafür ist es drinnen aber sehr schön und die Toiletten sind großartigerweise aufgeteilt in „Leserinnen“ und „Leser“.

Das Publikum, das sowohl in Sachen Lebensalter als auch einkommenstechnisch wohl überwiegend als „gehoben“ zu bezeichnen war, weckte in mir gewohnt seltsame Erwartung. Die Welt der Weingläser für geschätzte sieben Euro ist die meine nicht, aber dennoch sollte das bald beginnende Programm – von dem ich tatsächlich auch noch berichten werde – jegliche Zweifel im Nu ausschalten. „Fresh Spoken Word Poetry Dusted Off/Entstaubt!“ halte ich für einen seltsamen Programmuntertitel, denn so wußte man eigentlich dank diesem „erklärenden“ Zusatz noch weniger über das Dargebotene  als zuvor. Dann kamen aber die drei isländischen Künstler, sowie ein deutscher Autor, ein junger Mann mit Gitarre und der DJ mit dem wunderbaren Namen DJ Kermit auf die Bühne und machten etwas deutlicher worum es ging. „Island wurde im 10. Jahrhundert durch norwegische Auswanderer besetzt. Davor gab es hier nur Wikinger und Elfen. Es kam zu brutalen Fehden und Kämpfen die in den isländischen Sagas beschrieben werden. 1000 Jahre später brach die isländische Wirtschaft und das Bankensystem zusammen und kurz darauf explodierte ein Vulkan namens Eyjafjallajökull und legte den europäischen Flugverkehr lahm. Das ist alles.“

Damit war das Grundthema für die nächsten 90 Minuten schon einmal grob umrissen. Um Island ging es, die Sagas, deren Wahrheitsgehalt, die Beziehung zwischen Wahrheit und Dichtung, Vorurteile und und und. Das Ganze wurde sehr abwechslungsreich verpackt in eine Mischung aus Text, Video und Musik, die zwar nicht immer reibungslos funktionierte, aber trotzdem absolut überzeugte. Für Musik sorgten besagter DJ Kermit, der zwar Ahnung von Musik mitgebracht hatte, mit der Präsentationstechnik aber so seine Probleme zu haben schien. Zwar war er maßgeblich für die meisten organisatorischen Pannen verantwortlich, es sei ihm aber verziehen, da er für allgemeine Erheiterung sorgte indem er sich scratchenderweise dem Publikum vorstellte. Für weitere musikalische Untermalung zeichnete sich ein junger Mann verantwortlich, der mit einer Gitarre bewaffnet Lieder sang, die an Clickclickdecker oder Gisbert zu Knyphausen erinnerten, allerdings den exotischen und meiner Auffassung nach ungünstig gewählten Künstlernamen „Spaceman Spiff“ trug. Machte aber auch nichts, die Musik war schließlich trotzdem dufte.

Nichtsdestotrotz befand man sich hier schließlich im sogenannten Literaturhaus und somit standen naturgemäß die Texte im Mittelpunkt. Besonders die drei angereisten Isländer wussten dabei, das Publikum zu unterhalten. Sie redeten zunächst über die isländischen Sagas und deren Wahrheitsgehalt, der in den 300 Jahren die zwischen den Ereignissen und der Berichterstattung liegen, augenscheinlich gelitten zu haben schien. Die Übertreibung als Stilmittel der Literatur wird in den Sagas, deren Todesopferzahl vier mal Scarface, 6 Staffeln Sopranos und drei mal Stirb Langsam übersteigt, mehr als deutlich. Dies wurde durch unterhaltsame kleine Schauspielszenen noch einmal unterstrichen, in denen der Held zum Beispiel mitten in einem brennenden Haus zwischen herunterfallenden Balken von seinem Gegner mit keiner geringeren Wurfwaffe als einem Zahn attackiert und am Auge getroffen wird, woraufhin dieses quer über seine Wange hängt. Keine Frage, dass dieser Held natürlich nicht stirbt sondern später zurückkehrt, um Rache zu üben. Auch in den Poetryslam-artigen Texten, die die Isländer zum Besten gaben, ging es vor allen Dingen um Übertreibung im täglichen Leben, Selbstüberschätzung und Sich-selbst-Finden. Diese Texte tragen sie übrigens auf Deutsch vor – ohne die Sprache zu beherrschen freilich. Das funktioniert nicht nur beeindruckend gut, sondern ist zudem auch noch sehr charmant und witzig. Der lustigste Moment des Abends ist wohl das Video, in dem die drei Isländer verbal zeigen, wie sich die deutsche Sprache in ihren Ohren anhört – eine Mischung aus genuscheltem Kauderwelsch und plötzlich laut losbrüllendem Kasernenton. Auch die weiteren Videos fügen sich gut ins Gesamtkonzept ein, hierin berichten die drei von ihrem wundervollen Heimatland, geben aber zu Bedenken, dass man sich auf teure Bierpreise einstellen und sich Spezi – ein Getränk, von dessen Existenz die Isländer offenbar tief faszieniert sind – lieber selber mitbringen sollte, da sie in Island nicht verkauft wird. Die bunte Mischung verschiedenster Medien, Sprachen und Ausdrucksformen jedenfalls überzeugt vollkommen und macht sofort Lust auf eine Reise auf diese sagenhafte Insel.

Etwas nachdenklicher und weniger lustig geht es im letzten Teil des Programms, dem musikalisch untermalten Text des deutschen Autor Finn-Ole Heinrich zu. Auch dieser handelt von einem Islandaufenthalt, was durch eindrucksvolle Video-Impressionen unterstrichen wird. „Die Realität ist immer mickriger als die Fantasie“ ist die Kernaussage seines Textes. Man mag sich vorstellen, was man will. Elfen, Drachen, Mord, Blutrache. In der Realität ist Island eben doch ein modernes Land mit einwandfreien Straßen, in dem junge Eltern sich eine Zukunft aufbauen und junge Musiker in akzentfreiem Englisch romantische Popsongs singen. Genau wie in den Sagas sind Helden eben auch nur dadurch heldenhaft, dass sie sich selbst zu solchen machen. Damit will der Autor gar nicht zur Demontage von diesen Helden aufrufen, vielmehr bewundert er seinen persönlichen Helden, dessen Saga mit einer letzten Reise nach Island als krebskranker alter Mann endet, dafür dass er den Mut aufbrachte, nicht der Mensch zu werden, der von ihm erwartet wurde, sondern sich eine neue heldenhafte Identität gab. All dies macht nicht nur Lust auf Island und dessen Literatur, sondern gibt auch sehr viel Stoff zum Nachdenken, sodass man gedankenverloren das Literaturhaus verlässt und sich plötzlich nicht mehr in Island sondern wieder auf den Straßen Frankfurts befindet und geradewegs auf das benachbarte Eroscenter blickt. Sagenhaft ist Frankfurt – zumindest auf den ersten Blick – leider nicht gerade.

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3 Kommentare leave one →
  1. Christoph permalink
    02/10/2011 12:41 pm

    Das mit der S- und U-Bahn. Interessiert dich das eigentlich?

    • 02/10/2011 12:54 pm

      Prinzipiell schon, sonst hätte ich mir die Frage wohl kaum gestellt. Allerdings nicht, falls es irgendwas mit langweiligen technischen Details zu tun haben sollte.

  2. Christoph permalink
    02/10/2011 7:02 pm

    Mhh. Technische Details.

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