Skip to content

Um die Welt in 80 Songs – Zweites Kapitel

16/08/2011

Vor gut zwei Monaten führte mich der erste Teil einer imaginären Reise eines kleinen Musiknerds von Berlin bis nach Island, von dessen Schönheit mir erst heute wieder eine Augenzeugin ausgiebig berichtete. Auch mein Fernweh war im Nu wieder entbrannt, zumal ich mich in weniger als einer Woche auf einer ganz realen und keineswegs meiner lebhaften Fantasie entsprungenen Reise durch Skandinavien befinden werde. Bis dahin bleibt mir aber noch genügend Zeit, mich in gutem altem ‚armchair travelling‘ zu üben, einmal mehr in meiner reichhaltigen Musiksammlung zu stöbern und mich mithilfe meines treuen Reisebegleiters Google Maps auf die Socken zu machen. Außerdem habe ich gerade nichts besseres zu tun.

Schweren Herzens trenne ich mich also vom wunderschönen Island und der Flieger geht naturgemäß in Richtung Süden, denn viel würde mich nördlich dieser Insel ja bekanntlich nicht mehr erwarten. Unter mir befindet sich nichts als eisiges Eismeer, doch schon bald lässt sich in all dem endlosen Blau ein grüner Fleck entdecken und die Wehmut über die Abreise aus Island ist mit einem Mal vergessen. Unter mir befindet sich die grüne Insel. Irland. Wie lange habe ich schon davon geträumt, dieses Land mal zu besuchen und die Freude steigert sich noch weiter. Kiss Me, I’m Irish schallt es mir schon am Flughafen entgegen, denn dort werde ich von Gaelic Storm empfangen, die auch gleich einige grundlegende Dinge über den Iren an sich preiszugeben wissen. I am my island, my island is me lautet der charmante irische Nationalsstolz und natürlich Me blood it floats green. Wer würde die Iren für so wunderschöne Zeilen nicht küssen wollen? Für Sentimentalitäten bleibt aber gar keine Zeit, denn sofort wird klargemacht: And I like a bevy, now and then, that I’ll never deny / But I only drink on the days of the week that end with a ‚Y‘. Will heißen: Jetzt geht es erst einmal in den Pub. Das ist ja sowieso mein Bild von Irland. Ein schöner kleiner Pub irgendwo im Nirgendwo, Guiness und Kilkenny fließen reichlich, die Leber arbeitet gut. Dann eine kleine Kneipenschlägerei, Stühle fliegen durch die Gegend und im Hintergrund laufen die Dropkick Murphys. Herrlich. Frightening all the dogs on the rocky road to Dublin / One, two, three, four, five. Noch einige wilde Abende in den zahlreichen Pubs der Hauptstadt und dann muss die Reise auch schon weitergehen, die Zeit drängt.

Schon bevor das Schiff wenig später anlegt ertönen aus der Ferne die Dudelsäcke und machen klar, wohin es uns nun verschlagen hat. Die Real McKenzies begleiten uns quer durch die wunderbaren schottischen Highlands, doch schon bald heißt es O Flower of Scotland / When will we see / Your like again und wir trennen uns wieder vom Land der Kilts und Seeungeheuer. Es war aber auch ein bisschen anstrengend, schließlich versteht man kein Wort von dem was die Einwohner allen Ernstes als Englisch bezeichnen. Außerdem ist der Ruf schon laut zu vernehmen. London calling to the faraway towns. Natürlich folgen wir diesem Ruf von Joe Strummer’s The Clash, denn wer würde dieser Stadt schon eine Absage erteilen, wenn sie ruft? Sich dort voll und ganz Anarchy in the UK hinzugeben hätte anhand der aktuellen Ereignisse irgendwie einen seltsamen Beigeschmack und deshalb verkürzen wir unseren Aufenthalt spontan und verzichten auf ein Treffen mit den Sex Pistols. Wer will denn auch noch mit Johnny Rotten rumhängen, nachdem er im Dschungelcamp war?

Die Zeit auf den britischen Inseln ist ohnehin gezählt, der Kontinent hat uns wieder. Eine Fähre bringt uns – denn dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ich ihn längst wieder eingeladen habe, mich zu begleiten – von der englischen Ostküste ins niederländische Den Haag. Wir kommen nicht voran / und wir können nicht zurück / Wir müssen uns bewegen / die Beine in der Hand, wissen auch unsere Gastgeber von Muff Potter und geleiten uns in hohem Tempo nach Belgien, wo wir uns aber selbstverständlich die Zeit nehmen, um zu den sanften Klängen von Carter Burwell‘s ‚Walking Bruges‘ durch die mittelalterliche Altstadt des „Venedig des Nordens“ zu schlendern. Zu lange bleiben wollen wir jedoch auch hier nicht, denn die Worte Colin Farells aus dem großartigen Film „Brügge sehen… und sterben?“ dessen Soundtrack unseren Spaziergang begleitet, sind uns im Gedächtnis geblieben. Vielleicht ist genau das die Hölle – den Rest der Ewigkeit im beschissenen Brügge zu verbringen.

Überhaupt wird es nun Zeit, das Tempo ein bisschen anzuziehen, schließlich haben wir ein ambitioniertes Ziel: die Weltumrundung. Wer würde sich in einer solchen Situation als Reisebegleiter also besser eignen als ein gealterter, blondierter New-Wave Musiker mit knallenger Lederhose und pinker Jacke, der uns mit sinnlosen französischen Texten beschallt? In Höchstgeweschwindigkeit rasen wir gemeinsam mit Plastic Bertrand durch Frankreich, eine Erfahrung, die ausnahmsweise übrigens durchaus auf einer wahren Begebenheit beruht. Also mehr oder weniger. Ruckzuck sind wir in Mimizan im Süden des Landes angekommen, wo wir dankbar den Reisführer wechseln. Ein klein bisschen anstregend war die Gesellschaft ja schon und irgendwann kann man „Ca Plane Pour Moi“ auch einfach nicht mehr hören… Beirut a.k.a. Zach Condon scheint da schon ein ruhigerer Zeitgenosse zu sein und da er auch weit gereist ist, nehmen wir sein Oh, I’ll move for you einfach mal nicht im übertragenen Sinn, sondern wörtlich auf und lassen uns über die spanische Grenze führen.

Durch die Pyrenäen geht es geradewegs in Richtung Mittelmeer, denn dort wartet nicht nur die Schönheit unter den europäischen Städten, sondern auch Giulia y Los Tellarani auf uns. Wozu große Worte verlieren, die man ohnehin nicht versteht, da sie spanisch sind, wenn es sich auch ganz simpel und verständlich ausdrücken lässt: Te quiero Barcelona. Weder aus Barcelona, noch aus Madrid ist unser nächster Reisebegleiter, denn The Tallest Man On Earth lässt gleich ehrlich durchblicken: I am a Native of the North Folk. Auch gut, so lassen wir uns eben von einem Schweden durch Spanien führen, paradox genug ist das allemal, um unseren Reiseabschnitt durch Europa vorerst abzuschließen. Dieser Aufgabe ist er offenbar gewachsen, denn er führt uns bis nach Gibraltar. Dort verschwindet er dann ganz plötzlich und wir, lieber Leser stehen auf einmal wieder ganz alleine da mit unserem großen Reiseziel. Seine letzten Worte geben uns allerdings Hoffnung: I’ll disappear in some flamenco / Perhaps I’ll reach the other side. Mit ein bisschen Glück gelingt es bestimmt auch uns, die andere Seite der Straße von Gibraltar zu erreichen und unsere Reise in Afrika fortzusetzen.

PS: Tracklist des zweiten Reiseabschnitts: 11. Gaelic Storm: Kiss Me, I’m Irish 12. Dropkick Murphys: Rocky Road To Dublin 13. The Real McKenzies: Flower Of Scotland 14. The Clash: London Calling 15. Muff Potter: Den Haag 16. Carter Burwell: Walking Bruges 17. Plastic Bertrand: Ca Plane Pour Moi 18. Beirut: Mimizan 19. Giulia y Los Tellarani: Barcelona 20. The Tallest Man On Earth: King of Spain

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: