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Gib dem Affen Zucker – Juicy Beats 2011

06/08/2011

Das Schöne am Leben ist doch, dass man jeden Tag aufs neue überrascht wird. Man lernt nie aus. Gehet hin und vermehret euch. Der Mensch zieht los, die Welt zu entdecken und seinen Horizont zu erweitern. So auch ich. Grundsätzlich sehe ich mich nämlich in der Tradition von Vasco da Gama, sowie James Cook und machte mich daher auch letzte Woche auf eine neue Expedition, mit exotischem Ziel: Dortmund. Das mag jetzt vielleicht unspektakulär klingen, aber demjenigen, der nun fragt „Was willst’n da entecken“, dem lache ich kackenfrech ins Gesicht und erwidere: „So einiges Sportsfreund. Setz dich doch zu mir und ich werde es dir erzählen. Es trug sich wie folgt zu.“ Das Schönste an dieser Geschichte ist nämlich, dass wir noch nicht einmal die Grenzen unserer jungen Heimatstadt mit Tradition überquert hatten, als ich zum ersten Mal etwas lernen sollte, das mein Leben für immer verändern würde: Wir alle sind in großer Gefahr. Eine Gefahr gegen die fundemantal-islamische Terroristen, rechtsradikale Nazischweine und die Kontrolle der Weltwirtschaft durch erzböse Riesenkonzerne allesamt gewaltig abstinken. Ich rede von Mettbrötchen. Verwirrung macht sich beim Leser breit und so erläutere ich. Nichts weiter ersehnter wir Reisenden als ein köstliches Mettbrötchen mit Zwiebeln für unterwegs. Unschuldig gingen wir zur Bäckersfrau, erworben zwei Semmeln und überreichten sie der Metzgerin, deren ungewöhnlich schmale Gestalt mit erst im Nachhinein als Hinweis darauf erschien, dass sie wohl der Teufel persönlich war. Eine Fleischerin die nicht dick war, ich hätte es ahnen sollen. Die Frau nahm die Brötchen in die Hand und hätte sie fast aus dem Laden geworfen, wie entsicherte Handgranaten. „Die sind ja noch warm. Das kann ich unmöglich tun. Das ist verboten. Das ist.. das ist… gefährlich!“ Naiv wie wir waren erworben wir das Mett von der satanischen Wurstfachverkäuferin. „No Risk, no Fun – das ist mein Motto“ dachten wir und schmierten mit der Kreditkarte zwei köstliche Mettbrötchen, die wir rasch verspeisten. Doch wenn du dich mit dem Teufel einlässt verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich. Es widerspricht zwar der Dramaturgie dieses Artikels, dass ich noch immer unter den Lebenden weile, aber ich lebe in Angst und wer weiß, ob hier nicht längst ein Untoter am Laptop sitzt und diese Zeilen schreibt. Denn wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, dann kommen die Toten in die Metzgerei zurück.

Ansonsten verlief die Reise eher unspeltakulär. In Dortmund angekommen lernte ich jedoch noch folgende Dinge: 1.) Mit dem VW-Bus in eine fremde Stadt zu fahren, um einfach mal zu schauen und sich irgendwie durchzuschlagen, ist immer noch nicht die bestmögliche Strategie. Komisch, dass sich das noch nicht verändert hat seit wir vor 2 Jahren orientierungslos durch Rom irrten oder diesen Frühling in Paris jeeden Kreisel gefühlte elf Mal umrundeten. Die beste Taktik bleibt, ortsansässige Freunde anzurufen und zu sagen „Wir sind hier auf soner Straße, wo müssen wir denn jetzt hin?“ 2.) Dortmund ist voll von jungen Menschen, die ihre traurige Kindheit offenbar damit verbrachten, im Hobbykeller von Papa eingesperrt zu sein und dort keine andere Zertreuung zur Verfügung hatten als einen alten Kickertisch. Unzählige herrliche Sommer verbrachten sie damit, im Schummerlicht ihren berüchtigten Killerschuss zu trainieren, nur um irgendwann amateurhaften Kneipenspielern den Spaß am Kickern zu versauen und sich so für die Herzlosigkeit ihrer Eltern zu rächen. 3.) Wenn man in Dortmund einen Döner mit „bisschen scharf“ bestellt, dann heißt das „bisschen viel scharf, sodass dir beim Essen die Tränen kommen und du die wünschst, einen kurzen und schmerzlosen Tod zu sterben, sodass dein Organismus darum herumkommt, diesen Spaß wieder loszuwerden.“ Ich persönlich neige im Nachhinein betrachtet dazu, von „bisschen scharf“ abzuraten.

Vergessen wir vielleicht am Besten die letzten zwei Absätze und wenden uns dem Thema zu. Affen und Musik. Es ist eines jener Paare die perfekt zusammenpassen. Romeo und Julia. Bonnie und Clyde. Ernie und Bert. Musik und Affen. Das Southside hatte mir einmal mehr vor Augen geführt, dass Festivals dazu einladen, sich zum Affen zu machen. Die Schlussfolgerung, dass eine geringere Menge von Besuchern und eine kürzere Festivaldauer dazu führen könnten, dass sich die Konzentration der Anwesenheit von seltsamen Erscheinungen reduziert, zog ich erst im Nachhinein. Der Preis für den offensichtlichsten Schrei nach Aufmerksamkeit ging an mich. Was solls, man muss das nur mit der nötigen Selbstverständnis rüberbringen, dann passt das. Bin wirklich ich der Idiot weil ich ein Affenkostüm trage, oder seid ihr alle Idioten, weil ihr keine tragt? Eine kräftige Portion Selbstironie schadet da wohl auch nicht. In einer Stadt voller Affen bin ich jedenfalls ohne Frage der King gewesen. Eines muss man dem Affen nämlich lassen. Er fällt auf.

Schon der Festivalstart misslingt gründlich. Anstatt ClickClickDecker auf der Bühne stehen zu sehen, steht man sich am Einlass die Füße platt. Ein Glück, dass man das nicht alleine tun muss, denn der Affe sorgt schnell für neue Bekanntschaften. Außerdem ist der Affe äußerst fotogen. Rückblickend wäre es nicht dumm gewesen, für jedes Foto, um das man mich bat, einen Obulus von 50 Cent zu nehmen. Die Ausgaben für Bier wären an diesem Tag sicher gedeckt gewesen. Schon nach Minuten auf dem Gelände hat sich der Besuch gelohnt, denn ich hatte wieder etwas gelernt. Ich weiß jetzt, wo man die schlechteste Bratwurst der Welt bekommen kann und dieses Erlebnis des grausamen Geschmacks für nur 3 Euro. Ansonsten wurde erst einmal das riesige, sehr unübersichtliche, aber durchaus schöne Festivalgelände erkundet. Um gerade einmal 15 Uhr stehen Saalschutz auf der Bühne und rocken schon ziemlich, raven Leute, die schon jetzt ziemlich fertig aussehen an kleinen versteckten Bühnen zu DJs und überall, wo wir hingehen, zeigen Leute auf mich und rufen „Guck mal, ein Affe.“ Die meisten Kommentare sind nicht besonders kreativ, viele gaffen auch einfach nur. Einige Menschen kommen zu mir und fassen mich an, sind dann aber irritiert als ich zurückfasse. Viele fragen mich, ob ich mich wegen eines Junggesellenabschieds zum Affen mache, doch ich kann immer nur erwidern, dass es eigentlich sehr spaßig und vor allem extrem kommunikativ ist, so durch die Gegend zu laufen. Schon jetzt hat sich das Affentheater voll gelohnt, aber besonders gefreut hatte ich mich darauf, dass Prinz Pi auf der Bühne stehen und ‚Gib dem Affen Zucker‚ zum Besten gibt, während ich wie ein blöder durch die Gegend hüpfe und mir auf der Brust rumklopfe. Schade, dass dieser Plan von der unterirdisch schlechten Organisation des Festivals zunichte gemacht wurde. Auf einer viel zu kleinen Bühne forderte Pi sein eigenes Publikum, das vor dem Tor stand und vergeblich auf Einlass wartete, unaufhörlich dazu auf, sich doch bitte zu verpissen, damit die wenigen, die reingekommen waren, eine gute Zeit haben können. Wie ich hörte wurde die Show dann auch wenig später abgebrochen. „Ich hab keinen Spaß“ denkt man sich da doch und freut sich um so mehr, dass man bei dem breiten Angebot des Juicy Beats eben einfach drei Minuten zur nächsten, sehr kleinen Bühne laufen und zum trashigen Electro-Punk von The Toten Crackhuren im Kofferraum ordentlich abfeiern kann. Die schaffen es nämlich auch mit kleinem Publikum zu rocken wie Scheiße. Begeistert hüpfe ich beim letzten Song durch einen kleinen Pogokreis. Einer der Umstehenden ruft: „Guck mal, ein Känguru!“

Überhaupt kriege ich an diesem Tag einige seltsame Kommentare über mein Kostüm zu hören. Das geht von Kuh, Seekuh, Erdmännchen und Bär bis zu einem besonders verwirrten Zeitgenossen, der an mir vorbeiläuft und laut: „Pikachu!“ ruft. Irgendwann platzt auch dem freundlichsten Affen mal der speckige Fellkragen und genervt rufe ich den Leuten nach: „Es ist ein Affe verdammt! Wo wart ihr bloß im Bio-Unterricht?“ Wahrscheinlich waren sie damit beschäftigt, die Schule zu schwänzen und mit ihren Homies K.I.Z. zu hören. Das erklärt auch, warum einer der übrigens im Durchschnitt extrem jungen Festivalbesucher in sein Mobiltelefon ruft: „Alter wo bist du? Wir sind gerade K.I.Z.“ Alles wurscht, denn sobald die Berliner auf der Bühne stehen gibt es sowieso nur noch eins: abrocken. Kurzerhand wird ein Absperrgitter übersprungen, um weiter vorne besser feiern zu können und dann gibt es kein Halten mehr. Es wird gepogt, gesprungen, mitgegröhlt und vor allen Dingen extrem geschwitzt unter dem dicken Fell. Trotz offensichtlichem erhöhtem Alkoholpegel einiger Bandmitglieder sorgen die Kannibalen in Zivil für eine große Party. Die Leute feiern jeden einzelnen Song und der Affe, der natürlich mitten im Geschehen ist, sorgt bei den meisten auch für große Begeisterung. Sogar durch minutenlange, improvisierte Technosongs mit deutscher Übersetzung von Scooter-Lyrics lässt sich das Publikum nicht aus dem Konzept bringen und feiert einfach weiter. Auf ‚Hurensohn‘ folgt ‚Spasst‘ und ein äußerst bieder aussehendes Ehepaar verlässt hastig den Publikumsbereich und ich frage mich doch, was die beiden eigentlich erwartet hatten. Nach einer guten Stunde Urlaub fürs Gehirn bin ich nicht nur kaputt und heiser, sondern auch schon lange blank und aus diesem Grund mehr als dankbar, den Affen zu machen. So findet man schnell neue Bekanntschaften, von denen man sich Getränke schnorren kann. In dem Moment ziehe ich ernshat in Erwägung, in Zukunft nur noch als Affe aus dem Haus zu gehen.

Eigentlich schon völlig erschöpft kann ich es mir dann doch nicht entgehen lassen, noch einige Zeit zu der im Anschluss spielenden Frittenbude, die den – O-Ton – „ziemlich fetten Act“ Beth Ditto mehr als würdige vertraten. Der Affe macht es möglich, sich in Windeseile durch das extrem junge Publikum nach vorne zu drängeln, denn niemand kann einem Affen ernsthaft mit Ärger begegnen, wenn er sich vordrängelt. Auch in Pogokreisen wird man so immer gerne aufgenommen, manche Menschen sind fast schon zu anhänglich vor Begeisterung über meinen Aufzug und ich habe mehr als einmal an diesem Tag Angst, dass mir jemand meinen Schwanz abreißt. Wortwitze verbieten sich an dieser Stelle aufgrund des guten Geschmacks. Nachdem ich dann noch eine Zeit lang den Electropunk der bayrischen Band gefeiert hatte, war ich nun endgültig erschöpft. Auch die aus Finanznöten geborene sehr einseitige Ernährung hilft da nicht, denn auch wenn man eine ganze Dose innerhalb von 10 Minuten isst, haben TicTacs eben doch nur 2 Kalorien pro Stück. Schön ist es da, dass man eine so große Auswahl hat. Zwar scheint BoysNoize eine ziemliche Party auf der Hauptbühne zu feiern, aber uns steht der erschöpfte Sinn nicht nach Techno und so zieht man weiter. Nach einer halben Weltreise durch das verwirrende System aus Bühnen, die nach dem sogenannten Fruchtleitsystem angeordnet sind, stehen wir stattdessen an der ‚Kiwi‘. Dort fällt mir eine Frau um den Hals und als ich sie etwas irritiert anblicke sagt sie nur: „Ich mag einfach Affen so gerne.“ Wir lauschen eine Weile den Latin-Klängen von Quantic und seiner Combo Bárbaro, bevor es mich weiterzieht, um noch eine Weile den ruhigeren Klängen von Gisbert zu Knyphausen zu lauschen. Dessen entspannte Gitarrenmusik mit intelligenten, deutschen Texten passt perfekt zur trägen Stimmung und zur Dunkelheit der Nacht im Westfalenpark. Seltsam mutet eine Dame an, die einige Meter entfernt sitzt und beharrlich ruft: „Ich will Melancholie, verdammte Scheiße.“ Der Künstler tut ihr den Gefallen nicht und spielt jenen so benannten Song, der auch mich sehr gefreut hätte, einfach nicht und als er das letzte Lied ankündigt wird die Dame richtig verzweifelt. „Jetzt spiel doch mal Melancholie, du Arschloch.“ Das Konzert geht jedoch ohne ‚Melancholie‘ zu Ende – „Fick dich ins Knie, Melancholie“ hatte sich der Singer-Songwriter aus Wiesbaden wohl gedacht.

Da der Rest des Wochenendes kaum mehr interessanten Stoff lieferte, möchte ich damit schließen zu sagen, dass es etwas seltsam war, am nächsten Morgen wieder ohne Affen die Straße zu betreten und keine Blicke auf sich zu ziehen. Auch ein nützlicher Gebrauchshinweise für Affenkostümbesitzer und jene die es werden wollen, darf natürlich nicht fehlen: in der Waschmaschine bei 3o Grad lässt sich der Affe super waschen und riecht dann wieder blumig frisch. Aufpassen sollte man hingegen, dass man keine Zigaretten an die Affenbeine bekommt, das hinterlässt hässliche Brandlöcher. Bei aller Begeisterung für meine Expedition, ein Tag die Welt durch die Augen eines Affen zu sehen, muss am Ende allerdings noch ein Wermutstropfen folgen: Keiner der vielen Menschen, mit denen ich mich unterhielt, konnte mir einen überzeugenden Affenwitz erzählen. Ist es wirklich die traurige Wahrheit, dass es keine Kalauer über dieses wundervolle Tier gibt?

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