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Born To Run

04/07/2011

In zwei Stunden kann man so einiges tun. Dies sind die vorläufigen Resultate meiner hochgradig wissenschaftlichen Recherche, die selbstverständlich nicht darin bestand, dass ich „zwei Stunden“ bei Google eintippte: Wer über einen besonderen Mobilfunktarif von Tchibo verfügt kann für 39 cent zwei Stunden lang telefonieren. Um  Die alten bösen Lieder – Zwei Stunden Georg Kreisler pur anzuhören muss man dagegen 25 Euro ausgeben. Vielleicht hat man aber auch einen Freund, der diese CD besitzt und bereit ist, sie am Telefon komplett vorzuspielen. Bruno Mars hat angeblich in zwei Stunden gemeinsam mit Cee Lo Green den Song Fuck You geschrieben, wohingegen es bewiesen ist, dass Facebook im Durchschnitt mehr als zwei Stunden Lebenszeit seiner Mitglieder raubt, nachdem sie sich eingeloggt haben. Dann lieber rausgehen. Zwei Stunden lang wurde der Castor-Transport letzten Herbst in Altmorschen bei Kassel aufgehalten, bevor er weiterfahren konnte, während man in Bayern schon mal packende Schlagzeilen wie die folgende zu vermelden hat: Im Garten zwei Stunden lang Rehbock gejagt. Mit dem Flugzeug kann man von Frankfurt aus in zwei Stunden wahlweise nach Dublin, Barcelona oder Neapel fliegen und die Fahrer der gerade gestarteten Tour de France legen in zwei Stunden im Durchschnitt etwa 80 Kilometer zurück. Man kann aber auch all das bleiben lassen und stattdessen zwei Stunden lang durch Marburg rennen und dabei ’nur‘ 21,1 Kilometer Strecke auf sich nehmen.

Die gar nicht so einfache Aufgabe, in einer doch eher überschaubaren Stadt wie Marburg eine Strecke von 21,1 Kilometern für einen Halbmarathon zu finden, wurde von den Veranstaltern des Marburger Nachtmarathons 2011 clever gelöst: große Teile der Strecke befanden sich ganz einfach nicht in der Stadt. Nachdem sich ca. 1300 Menschen vom historischen Marktplatz durch den extrem schmalen Startbereich und anschließend mit einigen Rückstauproblemen durch die Kopfsteinpflastergassen der Oberstadt gequetscht hatten, ging es schon bald raus aus der Stadt. Vorbei an vielen Zuschauern, die allerdings zumeist unfreiwillig am Geschehen teilhatten, da sie auf den halbseitig gesperrten Straßen in ihren Autos festsaßen und demenstsprechend wenig enthusiastisch waren, ging es im Norden Marburgs in Wehrda bald auf Radwegen weiter. Idyllisch eingeklemmt zwischen Ruderern auf der Lahn und LKW auf der B3 war zwar oft auch eher wenig Platz für die vielen Läufer, aber man wusste sich zu arrangieren, auch wenn die ein oder andere Pfütze in letzter Sekunde umgangen werden musste, um sich nasse Füße zu ersparen. Das angenehme Sommerabendwetter ersparte Nässe auch von oben und lockte auch immer mal wieder Zuschauer an die Strecke. Diese waren zwar sehr viel vereinzelter anzutreffen als bei großen Laufveranstaltungen, aber dafür freute man sich um so mehr über die wenigen, wann immer sie an der Strecke standen und den Läufern zuklatschten. Glücklich ist da vor allem derjenige anonyme Teilnehmer, der seinen eigenen kleinen Fanclub an der Strecke stehen hatte und durch das Plakat, welches er überrascht entdeckte, ehrlich gesagt schon ein bisschen gerührt war.

Sobald es dann ein bisschen Richtung außerhalb ging, wurde es wieder ruhig an der Strecke. Lediglich das hundertfache Fußgetrampel auf den Feldwegen konnte manchmal den Eindruck erwecken, man befinde sich inmitten einer Gnuherde. Eine kritische Situation für Disney-geschädigten Menschen, die noch immer nicht über den Tod Mufasas hinweggekommen sind. Immerhin kann man sich so vollständig aufs Laufen konzentrieren und wird nicht dadurch abgelenkt, dass man gierig sabbernd auf die Grills schauen muss, die viele Menschen bei diesem guten Wetter an der Lahn angeworfen haben. Blöd nur, dass man dadurch auf einmal sehr lange alleine ist mit sich selbst und dem eigenen Kopf. Wenn man unter dem unsäglichen Ohrwurm-Syndrom leidet, dann kann es da schon mal passieren, dass man zwei Stunden lang immer wieder den Refrain des gleichen Songs im Kopf herumschwirren hat. I just came to say: Hello!

Hello Marburg hieß es dann auch endlich, als man sich mittlerweile am gegenüberliegenden Lahnufer von Süden her wieder der Stadt näherte. Nach 18 Kilometern wurde dies auch höchste Zeit, denn trotz mittlerweile abgekühlter Temperaturen und regelmäßigen Verpflegungsstellen waren die Kräfte so langsam aber sicher am Ende. Die Füße machen das, was sie da machen, sowieso irgendwann nur noch aus Gewohnheit und irgendwie automatisch, aber bevor sie dazu kommen diesen Irrsinn zu hinterfragen und zur Meuterei aufzurufen ist glücklicherweise das Ziel in Sicht. Ich werde jetzt nicht ausschweifend kommentieren, was man in 82 Sekunden so alles machen kann – ich weiß dass ich sie damit verbrachte, noch eine letzte halbe Runde im Unistadion zu drehen, bevor ich endlich ins Ziel einlaufen durfte. Wie sehr ich gerne auf diese halbe Runde verzichtet hätte verdient eigentlich keine Erwähnung mehr, sondern liegt irgendwie auf der Hand.

Etwa 2 Kilometer vor dem Ziel hörte ich im Vorbeilaufen, wie ein Zuschauer am Wegesrand zu seiner Begleitung sagte: „Das ist eben das Problem. Gerade zum Schluss sieht man schon echt scheiße aus.“ Nachdem ich im Internet Bilder von meinem Zieleinlauf entdeckt habe kann ich guten Gewissens sagen, dass ich diese Meinung ohne Einschränkung teile. Noch unschöner ist es lediglich, wenn man sich wenig später fragen muss: „Bin ich ernsthaft 2 Stunden durch die Landschaft gerannt um mich hier unter eine kalte Dusche zu stellen?“ Viel schöner ist es, noch etwas später kaputt aber glücklich in einer Kneipe zu sitzen und ein Weizenbier zu trinken. Das Schönste ist allerdings einige Zeit später der Moment, in dem man die Beine auf die Matraze fallen lässt, in dem Wissen, dass man sie da erstmal eine ganze Weile liegenlassen wird.

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