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To be or not to be Berlin

14/06/2011

Mit dem Auto durch Deutschland zu fahren ist schon seltsam. Irgendwie ist jede längere Autofahrt ja gleich. Man fährt in einer beliebigen Stadt auf die Autobahn, rauscht mit 150 Sachen durch eine Aneinanderreihung beliebiger Landschaften und wird ab und an durch ein Schild darüber informiert, dass man gerade an einer mittelalterlichen Burg vorbeigefahren ist, die man vermutlich niemals besuchen wird. Alle 20 Kilometer gibt es eine Tankstelle und eines von ca. 2 1/2 verschiedenen Fast-Food Restaurants. Nachdem man für 2 Stunden ununterbrochen geradeaus gefahren ist, hält man an einem Rasthof, dessen Namen man bereits 8 Minuten später wieder vergessen hat und klettert über einen Zaun in ein Waldstück, um sich die 50 Cent für SaniFair zu sparen. Danach fährt man wieder 2 Stunden geradeaus und wird durch Schilder darüber informiert, dass man soeben das Bundesland der Frühaufsteher verlassen hat. Zwar wusste man bis dahin noch garnicht, dass man sich in diesem Bundesland befand, ist aber trotzdem ein bisschen froh, es nun hinter sich zu lassen. Nach vier bis fünf Stunden stupiden Geradeausfahrens ist man dann wahlweise in den Alpen, an der See oder in Berlin.

Das Erste was an Berlin auffällt ist, dass es so offensichtlich Berlin ist. Jedes zweite Werbeplakat hat irgendetwas mit dem eigenen Hauptstadt-sein zu tun und andauernd muss man aufpassen, dass man nicht aus Versehen vor einem übergroßen Bilderrahmen steht, der verkündet: Be Berlin! Mit deiner zerfledderten Reisetasche unterm Arm kommst du dir da schon sehr wie ein Tourist vor, fast als trüge man eine rote Basballkappe auf der zu lesen ist: Sorry, I’m not Berlin but Marburg an der Lahn. Hat man sich aber erstmal des Gepäcks entledigt, ist das nur noch halb so wild. In Berlin sind überall so viele Menschen unterwegs, dass man kaum noch auffällt. In diesem Sinne ist es wohl auch das Geschickteste, sich sofort in die größte Menschenansammlung, die man finden kann, zu stürzen, um endlich voll und ganz undercover Berlin zu beobachten. Gesagt, getan.

Wir sind die Beatsteaks aus dieser Stadt, dröhnt es aus den Boxen und so schätzungsweise 15.000 Menschen finden diese Aussage ziemlich dufte. Ich auch. Solange die Herren, die dort oben auf der Bühne in der Wuhlheide stehen, so wahnsinnig weiterrocken wie  sie es bisher getan haben, könnten die mir so ziemlich alles erzählen. Man kann über die Beatsteaks und über Berlin ja denken was man will; wenn es ein Freitagabend im Juni ist, die Abendsonne so langsam untergeht und sich in der Wuhlheide ein Haufen Menschen eingefunden hat um zur großartigen Musik einer Band aus dieser Stadt am Rad zu drehen, dann ist das schon ziemlich perfekt. Und diese geniale Stimmung legitimiert es dann auch, dass die Band ihrer Stadt kräftig Honig ums Maul schmiert. Wir können durch die Welt touren, in Schweden spielen, wasweißich. Zuhause Konzerte zu geben ist doch immer noch am Schönsten. Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, denn das Publikum feiert ohne Ende, zeigt Textsicherheit, Bereitschaft zu tanzen/wild durch die Gegend zu springen/sich auf den Boden zu setzen und vor allem riesige Begeisterung. Alte Lieder sorgen dafür genauso wie die erstmalige Gelegenheit, die neuen Songs vom diesjährigen Album im Live-Gewand zu hören. Und die Beatsteaks zeigen Mut zu Experimenten. Immer wieder präsentieren sie abgewandelte Versionen von bekannten Liedern, ab und an wird sogar das Klavier für Akkustikversionen bemüht. Das funktioniert bei mittlerweile untergegangener Sonne unter freiem Himmel natürlich besonders gut,auch wenn an dieser Stelle einmal ganz klar gesagt werden muss: die sinkende Zahl von Rauchern wirkt sich sehr negativ auf die Stimmung während ruhigen Liedern aus. Es fehlt ganz einfach an Feuerzeugen, die geschwenkt werden. 2 Stunden lang feiert eine Band ihre Stadt und ein Publikum ihre Band. Als Arnim Teutoburg-Weiß verkündet: Ich könnte jeden Einzelnen von euch knutschen, ruft ein Mann neben mir einfach nur: Na da komm do her, du Sau! Am Ende bleibt ein furioses Finale, bei dem sich das Publikum komplett verausgabt, eine Explosion von Papierschnipseln und viele Gesichter, auf denen sich ein breites Grinsen festgesetzt hat.

Im Wedding hängen keine Plakate, auf denen Be Wedding steht. Wedding ist dafür auf den Hals eines jungen Mannes tätowiert, den ich dabei beobachte, wie er im U-Bahnhof Osloer Straße einen Fresstempel der amerikanischen Art betritt. Er hat Durst und nichts steht mehr zwischen ihm und seinem ersehnten Milchshake. Wenn er bloß wüsste, was er in der Zwischenzeit mit den beiden 15-kg-Hantelscheiben machen soll, die er ihm Gepäck hat. Achja, die kleinen Hürden des Alltags. Für mich ist es natürlich eine Selbstverständlichkeit, sich den Sitten und Gebräuchen anzupassen, wenn man Gast ist. Kultureller Austausch ist wichtig und dementsprechend hat man sich auch zu verhalten. Dann trinkt man eben mal keinen Kaffee zum Frühstück, sondern Sternburg Export. Warm ist das ja schließlich auch. Aber bitte nur original aus der 1-Liter-Plastikflasche, alles andere wäre ein kulturelles Sakrileg. Mindestens genauso kulurell wertvoll ist es wohl, wenn der andere Teil des Frühstücks aus einer viel zu großen Anzahl von bunten, sehr ungesund aussehenden und noch ungesünder schmeckenden Donuts aus dem Fundus einer amerikanischen Fast-Food Kette besteht. Da bekommt man irgendwann ein solch schlechtes Gewissen, dass man regelrecht nach Kultur und Bildung lechzt und arme nichtsahnende Freunde werden schamlos dazu genötigt, sich als Fremdenführer zu betätigen. Rotes Rathaus – check. Domkirche – check. Humboldt Universität – check. Unter den Linden, Brandenburg Tor, Holocaust-Mahnhmal, Reichstag – check, check, check. Wichtig zur Abrundung des Kulutrprogrammes: ein Besuch in Kreuzberg, um sowohl Currywurst als auch Hipster abhaken zu können.

Hier ist etwas, das ich nicht verstehe an Berlin: warum gibt es hier junge Menschen, die es für die Krönung der Coolness halten, sich einen Schnurrbart stehen zu lassen? Und wieso gibt es hier junge Frauen, deren Hosenbund sich auf gleicher Höhe mit ihrem BH befindet? Von Rosinenbombern habe ich gehört, aber ich hatte bisher nicht gewusst, dass Flugezuge über Berlin Unmengen von schwarzen Hornbrillen abgeworfen haben, die junge Leute nun tragen, weil sie halt umsonst waren.

Genug des Bösen. Ich mag Berlin ja eigentlich. Es ist toll, dass es in Deutschland ein Stadt gibt, in der man an jeder Straßenecke über Kultur stolpert, in der 3,4 Millionen Menschen aus vermutlich jedem Land der Welt wohnen und in der es immer irgendetwas zu sehen gibt. Ich mag es, dass ich beim Karneval der Kulturen noch einen bunten Straßenumzug sehen kann, bevor ich mich auf die Heimreise mache. Ich mag es sogar ein bisschen, U-Bahn zu fahren und dabei Menschen gegenüberzusitzen, die sagen: Ich bin gerade U-Bahn und warte dann Wedding. Ich verfluche dein Leben, Aller! Berlin hat so ziemlich alles, davon eine ganze Menge und dann noch ein bisschen mehr. Ich komme gerne immer wieder hierher und sehe immer wieder Dinge, die ich vorher noch nicht gesehen habe. Manchmal bin ich allerdings auch ein bisschen glücklich, wenn mein Zug in Marburg ankommt und ich mit meiner imaginären Be Marburg Baseballkappe durch die gleichen 5 Straßen laufe, durch die ich schon hunderte von Malen gelaufen bin und dabei immer die gleichen Gesichter sehe. Die Betonung liegt hier, wie bei allem im Leben, auf manchmal. Und manchmal würde ich eben auch sagen: Berlin ist toll, I wanna be Berlin. 

3 Kommentare leave one →
  1. Christoph permalink
    16/06/2011 11:00 am

    Es wird dich schockieren, aber SaniFair hat auf 70 Cent erhöht. Dafür bekommt man lediglich einen 50 Cent Einkaufsgutschein. Aber man kann auch einfach drüber hüpfen. Wenn keiner guckt.

  2. 16/06/2011 5:59 pm

    Ich hätte das Konzert nicht besser beschreiben können. Es war einfach nur genial 🙂
    Das musste ich mal los werden 😉
    Und, ich mag den Schreibstil 🙂

    LG

  3. 22/06/2011 10:49 am

    Trifft das Berliner Lebensgefühl echt gut 😀 Sehr amüsant. Und das sage ich als Berlinerin 😉

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