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Die grüne Brille

16/05/2011

Erinnerungen sind doch was Feines. Man kann sie nicht kaufen, da sie für Umme sind und abgesehen von Freund Alkohol gibt es Niemanden, der sie uns nehmen kann. Erfreulich ist es auch, wenn ein unbewusster Selektionsprozess abläuft der dazu führt, dass oft zunächst einmal die postiven Dinge in den Sinn kommen, wenn ich mich wieder einmal der von mir sehr geliebten Freizeitaktivität des In-Erinnerungen-Schwelgens hingebe. Das Tollste an Erinnerungen ist aber eigentlich, dass sie sich immer schön im Hinterkopf aufhalten und nur darauf warten, ausgelöst durch eine Banalität, hervozuspringen als wären sie ein Clown in einer Schachtel. So geschehen am heutigen Tag, als die einfache Tatsache, dass ich auf der facebook-Seite einer Freundin den Link zu einer neuseeländischen Radiostation entdeckte, in mir einen regelrechten Flashback auslöste.

Mehr als ein paar Worte der Moderatorin im breitesten Kiwi-Dialekt brauchte es nicht und schon hatte ich die grüne Brille auf und war in Gedanken wieder an der West Coast, wo ich diesen Sender immer beim Betten machen hörte. Und dann gab es natürlich kein Zurück mehr. An Arbeit für die Uni war naturgemäß nicht mehr zu denken an diesem Nachmittag, denn die nächsten Stunden wurden selbstverständlich damit zugebracht, mithilfe des Internets auf die grünen Inseln zurückzukehren. Erster Schritt ist dabei das Hervorkramen von neuseeländischer Musik um sich erstmal einen ordentlichen Erinnerungskick zu verpassen. Essentiell hierbei ist das Zusammenspiel von simpler Liedstruktur, die das Mitsingen erleichtert und einer gewissen Mindestlautstärke. Mit anderen Worten: What’s the Time Mr. Wolf anmachen, die Regler auf 10 drehen und den fantastisch stumpfen Text lauthals mitgröhlen. Schön. Als nächstes wird sich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht quer durch das herrlich unendliche youtube-Universum geklickt und über Videos gefreut, die in irgendeiner Weise mit Neuseeland zu tun haben. Dabei ist es eigentlich wumpe ob es sich um Filmtrailer, Ausschnitte aus Fernsehsendungen oder Musikvideos handelt. Hauptsache es dient in irgendeiner Form dazu, meinen sentimentalen Zustand von erinnerungsgetriebener Glückseligkeit weiter anzustacheln. Im Prinzip reicht es aber auch schon wenn in den Videos ausreichend mit Kiwi-Dialekt gesprochen wird, um mir eine Freude zu machen.

Der angesprochene Selektionsprozess tut dabei das übrige. Selbst Videos von neuseeländischer Fernsehwerbung können zu Begeisterungsstürmen führen und sind auf einmal ein Relikt der Erinnerung, ungeachtet der Tatsache, dass man in der Vergangenheit vor allen Dingen wahnsinnig genervt von ihnen war, da es im NZ-TV nur ungefähr fünf verschiedene Werbespots gab und das Programm alle gefühlten 3 Minuten von Werbung unterbrochen wurde. Überhaupt werde ich mir meine blumige Träumerei davon, wie toll doch alles war in Neuseeland, jetzt bestimmt nicht kaputt machen lassen indem ich mir eingestehe, dass ja nicht alles immer nur rosig war. Ich denk ja gar nicht dran. Neuseeland ist wunderschön; als ich dort hat mir die Sonne 24/7 aus dem Arsch geschienen, da mir grundsätzlich nur freundliche Menschen begegneten, die ununterbrochen damit beschäftigt waren, festzustellen wie schön es hier ist und was für eine Freude es ist, in einem Land zu leben, in dem man ununterbrochen von einem Postkartenmotiv ins nächste stolpert. Angeblich soll es hier zwar auch Arschlöcher geben, die dummen jungen Deutschen für teuer Geld ihre Rostlaube unterjubeln, aber unter 11 Millionen Menschen und 40 Millionen Schafen muss es eben auch 1 oder 2 Idioten geben und die Regierung tut ja schließlich auch schon alles um aus ihren Bürgern bessere Menschen zu machen.

Ich jedenfalls habe in diesem Moment großes Fernweh und sehne mich zurück ans andere Ende der Welt. Und da ich meine Rückkehr in die Realität so sanft wie möglich gestalten will ohne mir dabei ernsthafte Verletzungen zuzuziehen verbringe ich den Rest des Abends damit, neuseeländische Musik zu hören, mit den Wurstfingern die Weltkarte zu betatschen und so zu tun als würde mein Abendbrot aus Minced Pie mit TimTams zum Nachtisch bestehen, zu denen ich mir ein Pint kühles Montheith’s Celtic genehmige. Wenn das alles nicht mehr weiterhilft, bleibt mir nichts weiter übrig als Trost zu suchen in den weisen Worten eines großen Mannes:

„Ich denke wir sind alle einig, die Vergangenheit ist vorbei.“ – George W. Bush

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