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Kassel-Wilhelmshöhe Revisited

31/03/2011
Es ist eine traurige Wahrheit, aber man muss es leider so sagen: Wenn man aus Kassel kommt, dann hat man es nicht leicht. Wenn man auf die – unter Studenten erstaunlich oft gestellte – Frage danach, wo man denn eigentlich ursprünglich herkommt, als Antwort Kassel gibt, dann führt das nur ausgesprochen selten zu Begeisterung beim Gegenüber. Während man bei anderen Orten vielleicht Dinge erwidert wie „Ach wie schön, da war ich vor vielen Jahren mal.“ „Ach, da wollte ich ja schon immer mal hin.“ oder „Ach und von da bist du ausgerechnet nach Marburg gezogen?“ gibt es zum Thema Kassel eigentlich nur 3 mögliche Antworten:
1.) Hör mir auf mit Kassel. Ich bin zwar bisher nur vorbei gefahren, aber furchtbar, wenn man auf der Autobahn die Kasseler Berge hochmuss.
2.) Ach, in Kassel-Wilhelmshöhe muss ich immer umsteigen, hässlicher Bahnhof. In der Stadt war ich allerdings noch nie, muss man das gesehen haben?
3.) Kassel an sich finde ich ja nicht besonders spannend, aber Wilhelmshöhe ist wirklich schön.
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Führt man ein solches Gespräch, dann ist man auf einmal in einer seltsamen Situation: man fühlt sich auf irgendeine Art und Weise dazu verpflichtet, Kassel auch mal zu verteidigen. Das ist nicht gerade eine leichte Aufgabe, insbesondere wenn man selber jahrelang damit beschäftigt war, darüber zu fluchen, dass man ausgerechnet aus Kassel kommt. Im StudiVZ gab es einst so aussagekräftige Gruppen wie Durch Kassel zu laufen ist wie Unterschichtenfernsehen oder Hallelujah, endlich weg aus Kassel und tatsächlich ist unter vielen meiner ehemaligen Mitschüler die Frage nach dem Wunschort fürs Studium ganz einfach zu beantworten gewesen: Hauptsache erstmal weit weg.
Auch ich bin da ehrlich und muss zugeben, dass ich schon immer zu jenen gehört habe, die geflucht haben über Kassel und sich weit weg gewünscht haben. Das ist mir ja nun mit Marburg irgendwie nur bedingt gelungen und vielleicht ist das ja der Grund dafür, dass ich mich nun auf einmal verpflichtet fühle, Dinge zu sagen wie Es gibt ja auch schöne Ecken in Kassel. Umso mehr muss man da natürlich die Chance nutzen, sich als einheimischer Fremdenführer anzubieten, wenn Freunde aus Marburg tatsächlich den Wunsch äußern, für einen Tag nach Kassel zu fahren. Auch wenn man ehrlicherweise einen ziemlich miesen Fremdenführer ohne jegliches Fachwissen abgibt.
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Sich Kassel aus der Perspektive eines Touristen vorzustellen fällt mir zugegebenermaßen sehr schwer, vermutlich weil es mir ein Rätsel ist, dass Touristen überhaupt hierher kommen. Und auch Reiseführer gehen nicht unbedingt freundlich mit der allseits verpönten Documenta-Stadt um. In einer alten Ausgabe des Lonely Planet las ich mal: Wer eine Definition für den Begriff ‚architektonisches Verbrechen‘ sucht, der möge Kassel besuchen. Der aktuelle Lonely Planet ist da etwas postiver. Zwar beginnt der Artikel über Kassel mit der Erwähnung der vielen besonders häßlichen Gebäude der Stadt, erwähnt aber sogleich im nächsten Satz, dass Besucher trotzdem auch einen herrlichen barocken Park und überraschenderweise interessante Museen vorfinden können. Das mit den Museen musste man sich als Schüler in Kassel oft genug von geradezu militant lokalpatriotischen Lehrern anhören und da sich Wilhelmshöhe wohl als scheinbar einziger Teil Kassels allgemeiner Begeisterung erfreut war die Wahl eines Ziels für den Ausflug recht leicht entschieden.
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Der Rest des Tages hält einige Erkenntnisse in folgender Reihenfolge bereit: Ich war schon ewig nicht mehr in Wilhelmshöhe. Ich hatte schon fast vergessen, wie schön es hier eigentlich ist. Ich weiß sehr viel weniger über meine ‚Heimat‘ als ich so dachte. Um meine Kondition ist es katastrophal bestellt. Der Weg zum Herkules ist nicht nur sehr weit, sondern auch abartig steil. Es gibt allerdings sehr viele Sitzbänke auf diesem Weg. Von oben sieht Kassel ja eigentlich ganz nett aus. Die einzigen Menschen, die noch unsympathischer sind als Touristen, die sich den Fußweg ersparen und mit dem Auto hochfahren, sind Läufer, die den Herkules mit einem Affenzahn erklimmen ohne auch nur einen Tropfen Schweiß auf der Stirn zu haben.
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Tatsächlich muss ich zugeben, dass dieser Besuch in Wilhelmshöhe mir die schönen Seiten Kassels mal wieder ins Gedächtnis gerufen hat. Am Fuße des Herkules hörte ich eine Dame sagen: Das muss man mal gesehen haben, oder? und die Tatsache, dass ich ihr da sogar zustimmen würde ist für mein Verhältnis zu Kassel schon ein großer Schritt. Man muss sich ja schließlich immer schön schrittweise versuchen anzunähren. Vielleicht geht das ja am Besten, wenn man sich erstmal ein bisschen entfernt.
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Anschließend betätigte ich mich dann noch wesentlich erfolgreicher als Fremdenführer in Vellmar. Zwar bin ich nicht sicher, ob ich mit Informationen wie Früher dachten wir, dieses Haus ist verhext oder Auf dieser Rutsche habe ich mir mal böse den Kopf gestoßen, als ich betrunken war Stadtführungen anbieten sollte, aber irgendwie war hier doch etwas ganz anderes, meine Marburger Freunde herumzuführen. Das hier ist schließlich wirklich meine Heimatstadt. Hier kenne ich nun wirklich alles, bin die Straßen schon tausendfach entlanggelaufen und verbinde eine Erinnerung mit jeder zweiten Straßenecke. Und hier verkneife ich mir auch jeglichen bösen Kommentar, denn wenn ich tatsächlich so etwas wie Lokalpatriotismus besitzen sollte, dann gilt dieser Vellmar. Und was sollte ich auch schon negatives sagen? Im Gegensatz zu Kassel ist Vellmar nicht nur wunderschön, wahnisinnig aufregend und charmant, sondern schließlich sind wir auch eine Junge Stadt mit Tradition. Vermutlich fällt es mir auch einfach leichter, gut von Vellmar zu reden, weil ich es schon seit der Schulzeit in Kassel verteidigen musste, so wie ich es nun mit Kassel in Marburg tue. Und so schließt sich der Kreis. Schön.
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PS: Irgendwas sollte ich noch erwähnen. Ich hatte es fast vergessen, aber eben fiel es mir wieder ein. Lektion des Tages: Wenn man fremde Hunde streichelt vermeide man am Besten den Bauch zu kraulen, denn Hundeurin an der Hand ist eher mittel.
PPS: Hundeexkremente entwickeln sich zum roten Faden dieses Blogs. Ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll.
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4 Kommentare leave one →
  1. Christoph permalink
    01/04/2011 12:18 am

    Treffend! Kassel-Gespräche laufen genau so ab! Und ich finde ja auch, dass wir Kassel in der Fremde verteidigen müssen, denn Kassel nicht zu mögen – das muss man sich verdienen! Das ist nicht mit einem Tagesbesuch getan =D
    Und mit dem verhexten Haus meist du bestimmt das Haus am EKZ, was?

  2. 27/04/2011 8:11 pm

    Es gibt doch auch so T-Shirts „Freiwillig in Kassel“ 😉

Trackbacks

  1. Ja, mir san mitm Radl da « Word Salad

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