Zum Inhalt springen

Bonjour, je suis deux baguettes!

23/03/2011

Es war zugegebenermaßen Zwangsoptimismus, der mich vor gut 2 Wochen bei unserer Abfahrt dazu trieb, mir einen Strohhut auf den Kopf zu setzen, spanische Musik aufzulegen und Urlaubsstimmung zu propagieren, denn das Wetter außerhalb unserer kleinen Welt a.k.a. unseres wunderschönen, ausdauernden und fantastischen VW-Busses sprach weiß Gott eine andere Sprache. Man hatte uns davon abgeraten, uns den Erfrierungstod prophezeit und uns ausgelacht (okay das letztere nicht, aber es klingt einfach so gut), doch wir waren wild entschlossen dem allen zu trotzen und jetzt gab es nur noch eins: Roadtrip – ja sichi, Alter!

Eigentlich konnte es ja gar nicht schnell genug losgehen, was nichts daran änderte, dass sich unsere geplante Abfahrt selbstverständlich um gute zwei Stunden verzögerte. Einmal auf der richtigen Fährte ging es dann aber mit Karacho los und nichts konnte uns mehr stoppen. Also bis zur ersten Kaffeepause. Doch auch wenn man es nicht für möglich gehalten hatte ging es im wahrsten Sinne des Wortes der Sonne entgegen. Zwar dauerte das ein bisschen und natürlich mussten wir dafür erste Deutschland verlassen, aber als wir am nächsten Morgen in Belgien unseren Campingtisch auf unserem Schlafplatz zwischen Tank- und Baustelle zum Frühstück aufbauten, schien uns tatsächlich die Sonne ins Gesicht. Dass es trotzdem dank des Windes noch ziemlich kalt war, muss man ja nicht erwähnen. Dank Sonnenschein präsentierte sich auch die belgische Hauptstadt von ihrer Schokoladenseite. Im berühmt-begehrten Brüssel wurde geschlendert, Pommes gegessen und Bier gekauft – man muss schließlich die belgische Kultur angemessen würdigen. Bei der anschließenden planlosen Suche nach dem Atomium stolperten wir nahezu über diese(s) Sehenswürdigkeit/Fotomotiv, denn auf der Suche nach einem entsprechenden Straßenschild hob ich kurz den Kopf von der Straße und stellte fest: „Ach, da hinten ist es ja.“ Eigentlich wäre das für uns der Moment gewesen, in Richtung Paris abzudüsen, aber so leicht wollten die Belgier es uns nun auch nicht machen. Der einfach erscheinende Plan, den Bus vollzutanken, wurde von der Unfähigkeit dreier junger belgischer Tankstellenmitarbeiter/innen 3-Wort-Sätze auf Englisch zu verstehen durchkreuzt. Außerdem entstand aus dieser Kommunikationsbarriere ein Streit über 1,05 Euro Tankkosten, der schließlich damit endete, dass wir einfach davon fuhren und noch heute in Angst vor Verfolgung durch die belgische Polizei leben müssen.

Glücklicherweise überquerten wir aber bald die französische Grenze und konnten seitdem auch Interpol stetig erfolgreich auf Distanz halten. Vermutlich waren wir ganz einfach zu langsam für sie. Die ständigen Pausen machen eine Verfolgung bestimmt nicht einfacher. Vielleicht haben sie uns aber auch einfach verloren, als wir stundenlang wie bekloppt durch den Straßenverkehr von Paris irrten, ohne Ziel oder Richtung. Vermutlich haben wir sie auf dem riesigen Kreisel am Arc de Triumph abgeschüttelt, denn dort herrscht Anarchie und Gesetzlosigkeit und um den Überblick zu behalten erfordert es vermutlich übersinnliche Kräfte. Jedenfalls blieben wir von jeglicher Polizeiverfolgung unbehelligt und konnten ungestört durch Paris schlendern, ein bisschen Sightseeing betreiben, am Seineufer im T-Shirt(!) sitzen und Crêpe essen, klischeebehaftete Tourifotos vor dem Eifelturm schießen und dieses angenehme Flair von Paris einfach ein bisschen aufsaugen, bevor es weiterging. Kleiner Wermutstropfen beim Verlassen von Paris: Wir durchquerten Versailles und standen dort mehr oder weniger zufällig vor dem hell erleuchteten Schloß. Noch während wir parken und ein schönes Foto machen wollten beschloß allerdings der hiesige Hausmeister es sei an der Zeit, ins Bett zu gehen. So standen 3 Deutsche ziemlich belämmert vor einem dunklen Schloß.

Nach 2 Tagen Paris bewegte sich unser Bus nun also im Schneckentempo quer durch Frankreich, ein kleines französisches Dörfchen nach dem anderen wurde auf Landstraßen durchquert, in einigen von diesen Pause gemacht und ab und zu mal mitten auf dem Dorfplatz oder vor einer Sporthalle über Nacht Lager aufgeschlagen. Die Franzosen sahen es mit Humor, grüßten freundlich und wünschten Bon Apetit! wenn wir morgens unseren Frühstückstisch aufbauten. Merci Beaucoup! Sagten wir da doch glatt; für viel mehr haben 6 Jahre Französischunterricht erschreckenderweise nicht gereicht. So wird man vom französischen Crêpeverkäufer ausgelacht, nachdem man ein Sandwich en français bestellen wollte und der Tabakhändler guckt ganz entsetzt, als wir freundlich um printemps si vous plaît bitten. Kein Wunder, schließlich kann der gute Mann zwar vielleicht mit Briefmarken dienen, aber sicher nicht – wie von uns verlangt – mit Frühling. Ein Glück, dass zumindest die jungen Franzosen sich Mühe geben Englisch zu sprechen, denn so war zumindest ein wenig Kommunikation möglich, als im Südwesten Frankreichs ein Freund aus Australien besucht wurde. Und dank der großartigen und unverkennbaren Art und Weise, mit der Franzosen Englisch sprechen, war dieser Besuch nicht nur ein Ausflug in Zivilisation – Dusche, gutes Essen, Nachtleben –  und das Paradies – 5 Minuten zum Strand, 1 Stunde in die Pyrenäen zum Skifahren, Nachtleben – eines jeden Studenten, um das ich jenen französischen Freund sehr beneide, sondern auch noch sehr unterhaltsam.

Der Frühling war jedenfalls ohnehin längst angekommen in Südfrankreich. In T-Shirt und kurzer Hose ging es in Biarritz an den Strand, in San Sebastian wagte ein anonymer Blogschreiber gar den Sprung in den – zugegebenermaßen furchtbar kalten – Atlantik.. und verließ ihn dann auch Sekundenbruchteile später wieder. Trotzdem war es aber schon warm und vor allem sonnig genug um die Fahrt quer durch Nordspanien – von Atlantik zu Mittelmeer – wirklich genießen zu können. Mit Sonne im Herzen und Manu Chao in den Ohren bewegten wir uns geradewegs auf Barcelona zu. Dass der Tag dort leider buchstäblich ins (Regen-)Wasser fiel ist zwar schade, aber eben nicht zu ändern und für mich nur eine Bestätigung, in Zukunft wiederzukommen und mir mehr Zeit zu nehmen um Spanien und besonders Barcelona zu bereisen. An der französischen Mittelmeerküste entlang hatten wir nicht nur mit Wind und Regen zu kämpfen, sondern sahen uns auch mit dem Erzfeind eines jeden Wildcampers konfrontiert: einem Parkplatz voller Hundesch**ße. Die sieht man leider nicht, wenn man am späten Abend ankommt, dafür riecht man sie aber um so mehr. Ein böser Blick von dieser Stelle aus an die Hundebesitzer dieser Welt, denen Plastiktüten fremd sind!

Als letzte große Anlaufstelle stand Monaco auf dem Programm und schon beim Durchqueren der Côte d’Azur wurde uns deutlich: das hier ist ein teures Pflaster. Genau unsere Kragenweite also! Zwar wurden wir bei der Einfahrt nach Monaco spontan für eine Polizeikontrolle herrausgewinkt, durften im gesamten Gebiet von Monte Carlo nicht einmal parken und suchten im Zwergstaat der Reichen & Schönen vergeblich nach Zweiteren, dafür sahen wir aber in unserem außerhalb gelegenen Wohnmobilparkhaus und während der anschließenden Fahrt mit dem örtlichen Busunternehmen verdammt fresh aus in unseren extra eingepackten Anzügen. Ich hätte mir zwar sehnlichst gewünscht, im grünen VW-Bus vor dem Casino vorzufahren, damit man mich dort per Handschlag begrüßt und den Wagen für mich parkt, aber man kann eben nicht alles haben. So schnupperten wir nur ein paar Stunden Luxusluft und verabschiedeten uns dann schon wieder von Monaco. Dafür entdeckten wir an der französisch-italienischen Grenze den absurdesten Schlafplatz der Reise, auf einem Parkplatz direkt hinter dem Granzhäuschen, auf dem sich schon 15 Wohnmobile befanden, zu denen wir uns gesellten und wurden morgens beim Zähneputzen von einem 10 Meter entfernt postierten Grenzposten beobachtet.

Dass so ein zweiwöchiger Roadtrip, bei dem man sehr viel Zeit mit 3 Kerlen auf einem Raum von ca. 7 Quadratmetern verbringt, sich nicht unbedingt positiv aufs Niveau auswirkt, klingt ersteinmal einleuchtend. Demensprechend wird die abschließende zweitägige Heimfahrt zu einem Drahtseilakt. Viele Stunden sitzt man im Auto und wenn dann auch noch alle iPod-Akkus die weiße Fahne schwenken und man das Radio, das wahlweise italienische Schnulzen oder Akkordeonmusik spielt, irgendwann einfach nicht mehr erträgt, kann es schon einmal dazu kommen, dass man verzweifelt versucht, die Stille während der Fahrt auf irgendmögliche Art & Weise mit Geräuschen anzufüllen. Ich versuche lieber erst garnicht dem außenstehenden Leser näherzubringen, was genau ein Affenanfall ist und wie man sich das vorstellen muss, wenn einer der Mitreisenden auf einmal von einem Trüffelschweinanfall gepackt wird, aber es ist ungefähr so bescheuert wie es vermutlich klingen muss. Wenn alle Stricke reißen kann man ja dann auch immer noch Bruder Jakob im Kanon pfeifen oder das Sackzementlied bis zur 50. Strophe singen.

So ist man zwar einerseits ein bisschen wehmütig, dass der Urlaub so schnell vorbeiging, freut sich andererseits aber auch an den kleinen Dingen, die das Leben zuhause so bereithält. Dusche. Bett. Ganz vorsichtig schafft man es auch, sich an andere Menschen heranzutasten und sich in deren Gesellschaft ganz normal zu verhalten. Nach 4,713 Kilometern bleiben einige großartige Erinnerungen, ein oder zwei neue Fähnchen auf der Weltkarte, jede Menge Impressionen, der Wunsch, dass dieser bezaubernde VW-Bus noch sehr lange für neue Reiseabenteuer sorgen wird, eine neuentdeckte Wertschätzung einer heißen Dusche, eine neuentfachter Hass auf Hundehaufen und eine neuaufgeblühte Leidenschaft für spanische Musik. Naja und dann sind da halt noch diese Affenanfälle, die ich seit Tagen versuche abzulegen. Uh-ah-ah!

2 Kommentare leave one →
  1. Sushi permalink
    23/03/2011 10:31 pm

    Europa-Roadtrip-Deluxe!
    Wirklich äußerst amüsant 😀
    & ich bin sehr neidisch auf diesen geilen Van!
    [Das ist aber nicht der von deiner Mum, oder?!]

Trackbacks

  1. Um die Welt in 80 Songs – Zweites Kapitel « Word Salad

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: