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Diktator der Herzen

03/03/2011

Och nö, schon wieder was mit Kultur? Oh ja, schon wieder was mit Kultur! Oder so. Man könnte zumindest erst einmal meinen, es geht um knallharte, handfeste, seriöse Kultur, die sich gewaschen hat. Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung in der Jahrhunderthalle Frankfurt. Wer dabei aber herausgeputzte Musiker und ein Publikum in Nadelstreifen erwartet hat, der wird blöd aus der Wäsche geguckt haben. Denn bei Rainald Grebe weiß man eigentlich nie so genau, was man zu erwarten hat. Es ist Anarchismus pur, der trotz allem immer irgendwie auch perfekt geplant zu sein scheint. Es ist die Meisterleistung, totalen Blödsinn zu machen und dabei gleichzeitig so erstaunlich intelligent zu sein. Denn der Grebe wusste schon früher: „Auch Anarchisten kämmen nachts heimlich ihr Haar.“ Ich jedenfalls war mir ziemlich sicher, zu wissen was auf mich zukommt, schließlich hatte ich den Mann schon zweimal gesehen, einmal alleine am Klavier und einmal mit Band, letzteres beim Festivalhighlight des Sommers, dem Sommer im Park in Vellmar! Etwas überraschend war die Kulisse in der Jahrhunderthalle dann doch, denn das waren schon ein, zwei Leute mehr als im Zelt auf dem Festplatz meiner Heimatstadt. Aber : „Jahrhunderthalle ist och nur ne große Mehrzweckhalle“

Überhaupt ist dann alles etwas größer als früher. Vorbei die Zeiten, in denen Rainald Grebe mit einem schrottigen Keyboard und Indianerkostüm lustige kleine Lieder in irgendwelchen Comedyclubs zum Besten gab. Jetzt stattdessen mit Indianerkostüm und Bechsteinflügel in Frankfurts größter Mehrzweckhalle, umgeben von einem 10-köpfigen Orchester. Ansonsten hat sich dann gar nicht so viel verändert. Er schreibt immer noch großartige Texte, die irgendwie zwischen absolut albern und verdammt clever hin- und herpendeln und beweist dabei, dass er das Talent hat, den alltäglichen Wahnsinn in Liedform zu pressen, ob es nun der Wahnsinn von Berlin ist, von Deutschland oder auch Afrika. Anarchismus herrscht dabei auf der Bühne mehr denn je. Die Orchestermitglieder kommen wahlweise im Pferdekostüm, mit dem City-Roller oder in bayrischer Lederhose auf die Bühne und bewerfen sich während der Show gegenseitig mit Papierfliegern. Manchmal hat es mehr von Theater als von einem Konzert. Pausenlos geht es drunter und drüber auf der Bühne, während mittendrin ein Streicherquartett von vier alten Herren sitzt, die sich von dem Ganzen scheinbar gar nicht stören lassen. Man fragt sich eigentlich ständig: Wie kommt man auf so einen Scheiß?

Daran, dass er auf einmal ein ganzes Orchester zur Verfügung hat, hat der Chefchaot sichtlich Spaß. Neue Songs werden mit skurillen Instrumenten bespickt und alte Songs in neue Gewänder gesteckt, die man sich niemals erträumt hätte. Es kommen Banjo, Waldhorn, Kontrabass, Bongotrommeln, Orgel und und und zum Einsatz. Wie das Ganze dann heißen soll? „Was machen wir’n hier? Laminatpop.“ ist die obskure Aussage des Chefs. Es klingt jedenfalls bei fast jedem Song anders, mal nach Reaggea, mal rockig, mal poppig, mal nach astreinem Balkan-Folk à la Beirut. Fröhlich lässt er seinen DJ, den er laut eigener Aussage bei einer Hochzeit entdeckt hat, wo er Partyhits auflegte, Hardcore-Punk auflegen, um sofort darauf ein Streicherstück von Vivaldi aus der Rentnerecke folgen zu lassen. Überhaupt scheint dies das eigentliche Ziel zu sein. Scheinbar unvereinbares aufeinanderknallen lassen um zu zeigen, dass es eben doch irgendwie funktioniert. Strikt geplanter Anarchismus halt. Und komischerweise tut es das. Die Texte über Sachsen-Anhalt (das letzte Lied aus dem „Neue-Bundesländer-Liederzyklus“), Berliner Szene-Bezirke, afrikanische Dikatoren und übergewichtige Deutsche harmonieren hervorragend mit dem prallen Orchestersound. Nach endlosen Zugaben geht man nach einem langen Abend mit einem Grinsen auf dem Gesicht nach Hause und wie nach jedem Rainald Grebe Konzert erwischt man sich noch Tage später dabei, bestimmte Textstellen vor sich hinzusingen. Das wird auch so schnell nicht vorbeigehen, denn die setzen sich fest in der Hirnrinde und kommen immer mal wieder ins Bewusstsein. Bis dann beim nächsten Programm wieder neue hinzukommen. Ich werde jedenfalls wieder dabei sein. Dann wahrscheinlich mit den Berliner Philharmonikern und den Wiener Sängerknaben zusammen im Olympiastadion.

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