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Hey Man (Now You’re Really Living)

23/02/2011

The following is a true story. Some names and hair colours have been changed. Schon nach diesem simplen Vorwort wusste ich, dass ich begeistert sein würde von dem Buch, das ich da in den Händen hielt. Achja, ein Buch in den Händen. Ein Buch, das absolut nichts zu tun hat mit Uni, mit Literaturwissenschaft und erst recht nicht mit Griechen oder Römern. So sind sie halt diese seltsamen Menschen, die Literatur studieren. Auch sie freuen sich nach einem anstrengenden Semesterende auf Faulenzen, Alkohol und noch länger ausschlafen als während des Semesters, aber eben auch darauf, endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen, das ausnahmsweise nur danach ausgesucht wurde, worauf man gerade Lust hat. Tatsächlich hatte ich während der letzten 2 Wochen Klausurenphase nicht ein einziges Buch auch nur angerührt – eine Zeitspanne die äußerst ungewöhnlich ist für mich – und hatte daher die Lektüre eines guten Buches dringend nötig.

Ein Glücksfall also, dass seit Weihnachten die Autobiographie von Mark Oliver Everett, oder einfach nur E, ungeduldig in meinem Regal darauf wartete, gelesen zu werden. Die Erwartungen waren groß, da ich Everett, dem ich an dieser Stelle bereits als coolste Sau des Rock’n’Roll huldigte, dank der großartigen Musik die er seit Jahren macht, für einen genialen Künstler und Songschreiber halte. Auch die Rezensionen – die auf englischen Büchern ekelhafterweise sogar auf der Vorderseite des Einbandes abgedruckt und daher nicht zu überlesen sind – lobten das Buch in den Himmel. Und was soll ich sagen, nach wenigen Seiten verstand ich voll und ganz warum. Auf eine unglaublich sympathische ehrliche Art stellt E zunächst einmal klar, warum er eigentlich auf die Idee gekommen ist, seine Lebensgeschichte in Buchform zu veröffentlichen. Was für ein Ego muss man haben, um ein Buch über sein Leben zu schreiben und zu erwarten, dass es irgendwen interessiert? Ein riesiges! Ich kann mir im Moment ehrlich gesagt keine bessere Formulierung vorstellen, die eine Autobiografie einleitet. Auch wenn Mr. E gleich darauf klarstellt, dass er sich nicht für wichtig hält und dies nicht die Geschichte eines berühmten Kerls sondern die Geschichte eines Kerls sei, der einige Situationen durchlebt hat. Und das kann man laut sagen.

E erzählt seine Geschichte chronologisch und fängt an, von einer alles andere als glücklichen Kindheit und Jugend zu berichten. Er ist der seltsame Außenseiter, der lieber für sich alleine bleibt, in seiner kaputten Familie keinen Rückhalt findet und die Schule von Beginn an aufrichtig hasst. Cahrles Bukowskis Anti-Held aus Ham on Rye lässt grüßen. Gleichzeitig entdeckt er, dass er ein Naturtalent für Musik hat, genießt zwischenzeitlich Ruhm als Drummer der Schulband und ist auf einmal mit dem hübschesten Mädchen der Schule zusammen, nur um am Ende noch einsamer und kaputter dazustehen, als sie ihm den Laufpass gibt. Dieses Motiv zieht sich dann auch durch sein ganzes Leben. Es fällt ihm sehr leicht, sich in Frauen zu verlieben, die ihm bald darauf das Leben schwer mach und nicht selten einen Scherbenhaufen hinterlassen – ein ganzes Kapitel mit dem Titel I Love Crazy Girls widmet sich dieser Tatsache.

Überhaupt ist Scherbenhaufen ein guter Stichpunkt. Den einen oder anderen muss E nämlich im Laufe seines Lebens zusammenkehren. Die Tatsache, dass er es ist, der seinen Vater – ein verkanntes Genie in der Quantenphysik, den er trotz der Tatsache, dass sie 18 Jahre im selben Haus lebten, kaum kannte – als erstes fand, steif und seit Stunden tot, nachdem dieser einen Herzanfall erlitt, ist dabei nur der Anfang. Ich habe angefangen zu begreifen, dass einige der schlimmsten Momente meines Lebens mich zu einigen der Besten geführt haben, schreibt er in der Einleitung, und das beschreibt sein Leben erschreckend trefflich. Nachdem er sich nach einer mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossenen Schullaufbahn jahrelang mit stumpfen Aushilfsjobs herumgeschlagen hat, während er ununterbrochen und obsessiv Songs aufnahm, die niemand hören wollte, gelingt es E Anfang der 90iger Jahre schließlich, dass ein Produzent seine Musik versteht und ihm schließlich sogar einen Plattenvertrag verschafft. Er macht zum ersten Mal genau das, was er liebt und fühlt sich endlich verstanden. Und dann bringt sich seine Schwester um. Diese Spirale dreht sich immer weiter. Er verliert seine Mutter, die an Krebs stirbt, und einige seiner wenigen Freunde. Am Ende steht er als erfolgreicher Musiker, der von Fans und Kritikern geschätzt wird, da und sieht gleichzeitig der Tatsache ins Auge, dass er der letzte Überlebende seiner Familie ist.

Trotzdem ist Things The Grandchildren Should Know alles andere als ein Buch, in dem ein einsamer Kerl sein Leid klagt. E erzählt sein Leben in kleinen Anekdoten, einige davon tragisch, viele witzig, alle mit einem guten Gespür ausgewählt und erzählt. Sein Schreibstil ist erfrischend direkt. Er wendet sich an den Leser, flucht, beschimpft schon einmal seine Fans und erzählt ganz einfach so, wie er die Dinge erlebt hat. Immer wieder rafft er sich nach Rückschlägen auf, verarbeitet die tragischen Erlebnisse durch seine Songs und schafft es, in die Zukunft zu blicken. Manchmal sogar optmistisch. Am Ende ist er sogar versöhnlich mit seinem Vater, der Welt, dem Leben. Zwar ist er sich immer noch bewusst, dass er ein seltsamer Kerl ist, der sich oft vor der Welt und den Menschen versteckt, aber er hat es irgendwie geschafft, damit zu leben, so zu sein wie er ist und wie sein Leben bisher verlaufen ist.

Nicht zuletzt ist das Buch eine aufrichtige Liebeserklärung an die Musik. Sie ist der einzige Weg, der es E ermöglicht, sein Leben zu ertragen. Sie rettet ihm das Leben, ist sein Leben. Als Kind beginnt er damit, auf seinem Kassettenrekorder Songs aufzunehmen und das hört niemals auf. Jahre später ist es immer noch das Wichtigste in seinem Leben, Songs zu schreiben und schließlich aufzunehmen. Er interessiert sich nicht für die Industrie oder das Drumherum, er will einfach nur Musik machen. Dass er dadurch große Probleme hat, überhaupt gehört zu werden, ist dementsprechend logisch, aber dank seiner Ausdauer und der Tatsache, dass er ganz einfach nicht aufhören kann, Musik zu machen, gelingt es ihm schließlich nicht nur, sich Gehör zu verschaffen, sondern von dem was er liebt, leben zu können. Immer wieder schlüpfen Zeilen aus seinen Songs in das Buch und die Leidenschaft, mit der er über seine Lieder schreibt, macht deutlich wie sehr dieser Mann die Musik liebt. Dementsprechend ist es die Krönung, während des Lesens die großartige Musik der Eels zu hören und diese wundervollen Lieder noch einmal ganz neu schätzen zu lernen. Auf einmal hört man nicht nur wunderbare Musik, sondern sieht hinter ihr auch noch den Mann, der sie geschrieben hat, die Dinge, die er mit ihnen verarbeitet hat und seine ganze Lebensgeschichte. Am Ende bleibt trotz all der Scheiße, die ihm widerfahren ist, eine versöhnliche, fast schon positive Stimmung und die Überlegung, dass es eigentlich egal ist, was bis jetzt war, dass sich das Leben sowieso so schnell ändert, dass man nichts machen kann, außer darauf warten, was es noch bereit hält.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

P.S.: Es ist zwar wahnsinnig schade, dass ich mit diesem PS die gesamte Ernshaftigkeit des vorhergehenden Artikels kaputtmachen werde, aber ich kann es einfach nicht für mich behalten, worüber ich gerade gestolpert bin als ich die Hauptseite von Wikipedia aufrief. Der Artikel des Tages Fremdkörper in Anus und Rektum ist unglaublich empfehlenswert. Neben Ursachen, Diagnose und Theraphie enthält er auch eine Liste von „in der Fachliteratur beschriebenen Objekten“ zu denen u.a. kleine zusammengerollte Werkzeugtasche, Bocciakugel, gefrorener Schweineschwanz, gerollte Tageszeitung und gschnitzte Ingwerstücke gehören. Außerdem gibt es ein Bild von einem Dosenlocher, an dem augenscheinlich Blut klebt, dessen Ursprung man lieber nicht wissen möchte und man kann sich den Artikel sogar vorlesen lassen. Auch wenn Lehrer und Dozenten Wikipedia hassen mögen, ich liebe es dafür, dass es mich heute Abend dazu gebracht hat, Tränen zu lachen.

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