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Die Welt in Schnipseln

14/02/2011

Im Titel dieses Blogs steht es geschrieben: Sprechdurchfall und zwanghaftige Geschwätzigkeit. Und wenn man sich diese Maxime auf die Fahne geschrieben hat, dann darf man eigentlich auf keinen Fall einen Videoschnipselvortrag von Jürgen Kuttner – dem Meister dieser Disziplinen – verpassen, dachte sich der Autor dieser Zeilen, ließ seinen Worten Taten folgen und fand sich am letzten Mittwoch im Hessischen Landestheater von und zu Marburg an der Lahn ein. Das etwas übertrieben anmutende Erscheinungsbild des Theaters versprach Kultur und die gab es auch. Oder zumindest so etwas in der Art.

Vielleicht sollte man zunächst einmal aufklären, was genau sich der geneigte Leser eigentlich unter einem Videoschnipselvortrag vorzustellen hat. Am besten jedoch fängt man wohl damit an Jürgen Kuttner vorzustellen. Kuttner ist der mit Abstand großartigste Radiomoderator der nördlichen Hemisphäre, dessen Radiosendung beim Berliner Radiosender ‚Fritz ‚der autodiegetische Ich-Erzähler dieser Geschichte (der leider ein wenig klausurgeschädigt ist im Moment) mit Begeisterung wöchentlich im Internet verfolgte. In grauer Vorzeit hatte Kuttner sogar eine Sendung im hessischen Radio, das war allerdings in der Zeit, in der es noch den Radiosender hr-xxl gab an den sich niemand auch nur erinnern konnte als ich ihn neulich einmal in einem Gespräch erwähnte, was mich fast ein bisschen traurig stimmte. Hat man Kuttner schon einmal im Radio gehört, dann hat man eine ungefähre Ahnung, was man bei einem Schnipselabend zu erwarten hat: der Mann redet ganz gerne. Da der gute Mann auch einen Doktortitel in der Kulturwissenschaft sein Eigentum nennt, kann man allerdings auch davon ausgehen, dass er eine grobe Ahnung hat von dem, was er da so von sich gibt. Von all dem war allerdings nicht allzuviel zu bemerken, als ich im Foyer des Theaters saß und ein kleiner Mann in seinen Fünfzigern, der mir irgendwie bekannt vorkam, an mir vorbeiwuselte, in der einen Hand ein Glas Wein, in der anderen ein paar Schmierzettel mit Notizen.

Dieser kleine Mann stand dann wenige Minuten später ganz allein vor einem Mikrofon auf der ansonsten leeren Bühne und fing an zu reden. Und hörte dann auch so schnell nicht wieder auf. Sagte erstmal, dass er miese Laune hätte, das aber super finde, weil er schlechte Laune eigentlich dufte finde und diese als treibende kreative Kraft empfinde. Meine Grundsypathie war ihm sofort sicher. Dann erklärte er mal schnell selbst, was das Publikum an diesem Abend erwarte. Er werde mit Berliner Dialekt sehr schnell und sehr viel reden, vornehmlich über Videoausschnitte, diese Ausschnitte dann zeigen und danach eben weiterreden. Freundlicherweise wies er auch gleich darauf hin, dass es normal sei, wenn am Ende des Abends die Ohren bluten und man Geduld haben solle, da es nach Ende der Veranstaltung noch circa 2 Stunden dauern würde, bis alles Gesagte dann auch angekommen wäre. Und dann fing er an zu reden.

Das Thema des Abends beschrieb Kuttner mit „Weltverbesserung“ und man könnte meinen er hätte sogar einen roten Faden gehabt, den das Publikum allerdings nie und er selbst wohl auch nur ab und zu mal erspähte. Zur Unterstützung seines Vortrages hatte er vielleicht 5 Karteikarten mit einigen Daten und Zahlen darauf in der Hand, ansonsten sprach er stolze zweieinhalb Stunden ohne irgendeine Gedankenstütze, einfach so frei von der Leber weg. Er sprach über Wahlen in der DDR, Telepromter, Joseph Beuys, Trabi-Werbung, berauschende Kakteen, Philosophie, Schlager, Erbrecht, die Börse, Ägypten, Rohrverleger die vom Arbeitsamt auf Gitarrist umgeschult werden, Frauen in Frauenkostümen, nazistische Vegetarier, Zombies und alternative Methoden des Klatschens. Das Erstaunliche daran ist, dass er es irgendwie schaffte einen Zusammenhang zwischen alledem herzustellen und dabei auch noch seinen eigenen Ausführungen zu folgen, was er vom Publikum ja erst gar nicht erwartete. Sowieso hatte er so seinen Spaß mit dem Marburger Publikum, das er aufgrund des vermutlichen hohen Akademikergrades unter den typischen Marburger Theatergästen darum bittete, doch zumindest einmal einen schönen Bauarbeiterhände-Applaus zu versuchen und gab schließlich auf, mathematische Dinge zu erklären, da er im Publikum eh nur Geisteswissenschaftler und Germanistikstudenten – hust – vermutete, die das eh nicht verstehen würden.

Im Grunde ist damit auch das ganze Prinzip eines Videoschnipselvortrages erklärt. Kuttner redet über Videos, analysiert dabei gerne sehr detaillreich jede Bewegung oder Aussage und nach zehn Minuten bis zu einer halben Stunde Analyse spielt er dann besagtes Video ab und der Zuschauer kann sich daran erfreuen, das zu entdecken, was er gerade en detail erzählt bekommen hat. Das funktioniert erstaunlich gut und ist tatsächlich ziemlich unterhaltsam, vor allem weil die meisten Videos ziemlich skurrile Dinger sind, von denen man sich immer wieder fragt, woher zur Hölle er das jetzt wieder ausgegraben hat. Man muss wirklich schon ganz tief in der Schatzkiste deutscher Trash-Fernsehgeschichte kramen, um solche Prachtstücke zu finden – wer einmal in Form eines Musikvideos den Videobeweis dafür gesehen hat, dass Jopseph Beuys nicht singen kann, weiß wovon ich rede. Ob man das Ganze jetzt Kultur nennt oder sonstwas. Kuttner selbst sagte er versuche Kultur zu machen, die dem Publikum auch ein bisschen weh tut und was soll ich sagen, die Ohren bluteten tatsächlich ordentlich, als er das Publikum nach zweieinhalb Stunden um genau 35 Sekunden Applaus bittete und aufforderte eventuell zu viel mitgebrachten Applaus am nächsten Tag einem Straßenmusiker zu schenken. Aber ich hatte mittlerweile ein bisschen Zeit und tatsächlich ist fast alles, was der Mann gesagt hat bei mir angekommen. Mich brauchte er eigentlich sowieso nicht mehr zu überzeugen, da ich ihn seit damals im Radio dufte finde, aber ich kann auch jedem nur empfehlen, die Ohrenschmerzen eines Videoschnipselabends einmal am eigenen Leib zu erfahren. Ob Kultur oder nicht.

P.S. Kuttner hat übrigens auch ein Buch über Videoschnipsel geschrieben. Auch ganz dufte, aber wenn möglich auf jeden Fall lieber 3D und in Farbe erleben.

P.P.S. Kuttner hat auch mal eine Online-Sendung gemacht, in der über Youtube-Videoschnipsel redete. Ist ein bisschen anstrengend geschnitten und die Videos sind viel schlechter als die beim Vortrag, aber man bekommt ein schönes Bild davon, wie schnell und viel der Mann reden kann.

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