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Schreiben lernen

25/01/2011

Wenn man so wie ich in Marburg für den Bachelor Europäische Literatur  eingeschrieben ist, kriegt man nicht nur häufig die Reaktion: „Was es nicht alles  gibt..“, sondern lernt auch wahnsinnig tolle Dinge. 90-Minütige Diskussionen  darüber ob Speisekarten, Telefonbücher oder Straßenschilder zur Literatur gehören,  die ergebnislos enden da es keine Patentlösung gibt erwähnte ich bereits an anderer  Stelle. Toll ist auch die Übung „General Writing I“. Hier lernt man schreiben. Also so  richtig vernünftig, mit Paragraphen, duften Metaphern, feinem Vokabular und allerlei  anderem Schnickschnack. Außerdem sollen verschiedene Arten von Texten näher  gebracht werden und seit letzter Woche steht das Schreiben von Kritiken auf dem  Plan, für das es wieder eine wunderschöne Kopie gab, was man tun und auf keinen Fall tun möge, wenn man eine solche verfasst.

Schreibe für den Leser, sprich nicht über dich selbst, schreibe in einem unpersönlichen Stil. Erst war ich ja nur befremdet und anderer Meinung als die Lehrende, aber als ich dann genauer hinsah wuchs in mir der Eindruck, dass dies ein persönlicher Anriff auf meine Person sei. Worte wie Ich, mich,  mein, ich selbst und Phrasen wie meiner Meinung nach, ich denke, meiner Ansicht nach sollten höchstens einmal im ersten und einmal im letzten Paragraf vorkommen, weil ihre Kritik sonst auf sie selbst anstatt auf den Leser zentriert wirkt. Ja verdammt nochmal, ICH sehe das nicht so. Natürlich ist das was schreibe auf mich konzentriert. Kommt ja schließlich von mir und ich bin nunmal auch sehr auf mich konzentriert. Und meiner Meinung nach schreibe ICH erst mal für MICH und nicht für den blöden Leser. Entschuldigung dafür, lieber Leser, ich wollte das nicht anIhnen auslassen. Wutentbrannt lese ICH also weiter und da wird das Ganze nicht besser: Ihre Leser sind nicht besonders an ihnen interessiert. Sie brauchen Informationen, Beschreibung und Erzählung mehr als ihre eigene Meinung. Schließlich: Sie kennen ihren Leser nicht, also seien sie vorsichtig im Umgang mit dem Wort „Sie“. Also das, lieber Leser geht doch nun wirklich zu weit oder? Sie sehen das doch wohl nicht so. Sie interessieren sich doch für mich, oder habe ich mich da in ihnen getäuscht? Ich war immer der persönlichen Meinung, dass sie ein tiefes Interesse für meine Person hegen.

Naturgemäß bereitete mir die darauffolgende Übung zur Verinnerlichung Probleme. Wir bekamen eine Buchkritik als Beispieltext. Es handelte sich um eine äußerst negative Kritik. Der Kritikschreiber tobte sich so richtig aus, beschimpfte die Autorin, sprach viel über seine eigenen Vorstellungen von guter Literatur und bevormundete seine Leser nach Strich und Faden. Was für ein großartiger Text! Blöd daran, dass dieser als Negativbeispiel dienen sollte und unsere Aufgabe nun darin bestand, den Text umzuschreiben, sodass er angemessener daherkommt. Ich war kurz davor lautstark zu proklamieren, dass ich absolut nichts verändern würde, blieb aber feige und stumm. Auch für meine bewertete Kritik, die ich heute abgab, war mir das eine Lehre. Ich suchte einen Film aus, den ich sehr mag und somit nicht verreißen kann und hielt mich vorbildlich zurück mit meiner Meinung. Außer als ich sagte, der Film sei einzigartig und gr0ßartig freilich. Und auch den Leser, die dumme Sau, ließ ich schön in Ruhe, außer als ich am Ende erwähnte, er habe den Film gefälligst zu lieben und werde ihn sich immer und immer wieder anschauen wollen. Alles in allem ein sehr subjektiver und nüchterner Text, so wie dieser hier, das sehen sie doch wohl auch so, Herr Leser? Und wehe ihnen wenn nicht, dann werde ich aber mal ganz persönlich wütend!

P.S. Zum Abschluss noch kurz etwas über mich. Also aus meinem Leben. Als ich am Sonntagnachmittag nichtsahnend über den Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe schlenderte traf ich einen absoluten Weltstar. Ich war völlig außer mir und habe natürlich sofort recherchiert und herrausgefunden, dass der Star, den ich sah auf den Namen Michael Holderbusch hört. Der Gute kommt aus Baunatal und war anscheinend Kandidat bei der Sendung „Das Supertalent“, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Ehrlich. Ich kenne ihn lediglich, da die lokale Presse in Kassel erschreckend wenige echte lokale Nachrichten zu berichten hat und den Mann irgendwie zu lieben scheint. Da war er nun also, der Superstar aus dem Fernsehen. Und auf einmal war er nur ein Mensch wie du und ich. Er lief einfach so über den Bahnhof… und nicht eine Menschenseele drehte sich nach ihm um. Irgendwie doch beruhigend.

One Comment leave one →
  1. 28/02/2011 2:53 pm

    Hallo,

    schickes Blog. Und dann auch noch von einem weiteren EuroLit-Studenten! Ich bin begeistert 😉 Werde das mal weiter verfolgen.

    Liebe Grüße von einer weiteren Marburger EuLi-Studentin mit Blog,
    Deborah

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