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Film ab! – Kopfkino in Berlin

29/09/2010

Wenn zwanzig Einundzwanzigstel seines Lebens in Kassel gelebt hat, dann sieht man manche Dinge vielleicht ein bisschen anders als Menschen, die aus einer Großsstadt kommen. Also einer richtigen Großstadt. Nehmen wir mal Konzerte. Für mich heißt ein Konzertbesuch nicht nur dufte Musik und schwitzende Menschen um mich herum, sondern auch so gut wie immer lange Autobahnfahrten. Das Schöne an der Lage Kassels ist, dass man im Prinzip in jede Himmelsrichtung fahren kann, um in eine Stadt zu gelangen, in der der gemeine Musiker so auftritt. Das Blöde ist, dass man mindestens 150 Kilometer fahren muss.

Vier Stunden Autofahrt – nach Frankfurt, Hannover, Dortmund oder auch Bielefeld – für 2 bis 3 Stunden Musik, das ist in etwa die Rechnung. Wenn man also gute 800 Kilometer Autofahrt für ein paar Stunden Musik auf sich nimmt um in die Hauptstadt zu fahren muss es also schon verflixt gute Musik sein. Wer genau eigentlich auftreten würde am letzten Freitag, das wusste manauch nicht so genau, aber das britische Ninja Tune Label hatte eingeladen und da dieses ein Garant für verdammt gute Mucke ist,nahm man die lange Autobahnfahrt gerne auf sich. In etwa 5 Stunden, ein apokalyptisches Gewitter und ein paar der langweiligsten Bundesländer Deutschlands später war man dann also da und damit gerade mal anderthalb Stunden nach Konzertbeginn. Das  war aber eigentlich wurscht, denn glücklicherweise standen einige Künstler auf dem Programm des Abends und wir waren exakt zum richtigen Zeitpunkt gekommen, denn exakt eine Bier-und-Zigarettenlänge später begann der spannende Teil des Programms.

Als erstes standen Bonobo, Andreya Triana und Fink auf der Bühne – 3 Namen die man auf Tasche haben sollte, wenn man etwas auf seinen Musikgeschmack hält. Sagt wer? Sag ich! Bonobo ist der wohl bekannteste Ninja-Tune-Künstler, der seit einiger Zeit großartige Musik macht, die man wohl als Chillout bezeichnen könnte, auch wenn ihr das nicht wirklich gerecht wird. Auf seinen letzten Alben fanden sich auch immer mal wieder Songs, die durch Andreya Trianas unglaubliche Stimme verschönert wurden. Ich will jetzt nicht in die Sarrazin-Falle tappen und werde mich hüten, dunkelhäutigen Frauen ein Gesangs-Gen anzudichten, aber sollte – rein hypothetisch – ein solches Gen existieren, dann müsste man Andreya Trianas DNA auf der Stelle zum Klonen freigeben. Einfach gigantisch, was dieses Frau mit ihren Stimmbändern und mithilfe von zwei gleichzeitig benutzten Mikrofonen so anstellen kann – da behaupte noch mal einer die Stimme wäre kein Instrument. Begleitet wurde Andreyas Stimme von Bonobo am Bass und Fink, der Ninja Tune-Antwort auf durchschnittliche Singer-Songwriter, an der Gitarre. Das Ergebnis ist ganz einfach zu beschreiben: gute Musik.

Trotz der Tatsache, dass die 3 eher ruhige und sehr simpel arrangierte Musik darboten war es eine ziemlich überzeugende und fesselnde Liveshow, deren einziges Manko war, dass sie nach einer guten halben Stunde viieel zu schnell vorbei war. Man hätte gerne noch mehr gesehen und vor allem gehört. Als nächstes stand dann Lou Rhodes auf der Bühne, deren Stimme mir wesentlich vertrauter war als ihr Name, denn Lou Rhodes war die Sängerin von Lamb. Nun hatte ich Lou Rhodes zuvor aber immer nur gehört und hatte sie noch nie zuvor gesehen und wie sie da so auf der Bühne stand, war sie der lebende Beweis dafür, dass meine oben angedeutete Theorie natürlich völlig unwissenschaftlich war, denn wenn man Lou Rhodes da so stehen sieht fällt doch zunächst einmal die Kinnlade herunter, wenn die Frau zu singen beginnt und man fragt sich: „Wo in Dreiteufelsnamen nimmt diese kleine zierliche Frau diese riesige Stimme her?“ Ihre großartige Stimme begleitet Lou dann sehr entspannt mit einer Gitarre – heraus kommt  dabei dann sehr schöne, etwas melancholische Musik, die bestimmt ganz wunderbar funktionieren wird, an hässlichen Herbsttagen, an denen man sich lieber die Decke über den Kopf zieht, anstatt das Haus zu verlassen und an denen man eine Tasse heiße Milch mit Honig einem kalten Bier bevorzugt. In einer wahnsinnig heißen Konzerthallen ging diese Musik leider ein klein bisschen unter, zumal sie zwischen dem Set von Bonobo & Co. und dem Hauptact des Abends doch sehr ungeschickt plaziert worden war. So musste Frau Rhodes das Publikum immer mal wieder zum Zuhören überreden und ein „Scht!“ in den Raum werfen, um sich Gehör zu  verschaffen. Wer Interesse an Lou Rhodes hat, sollte sich übrigens dieses Video einmal zu Gemüte führen:

http://nuflicks.de/index.php/archiv/action/listSingle/cId/1/singleID/369

Nach Lou Rhodes war nun also der Main Act des Abends am dransten. Ich muss zugeben, dass ich vor dem Konzert nicht der allergrößte Fan war von The Cinematic Orchestra. Oft erschienen mir die komplex arrangierten Lieder ein bisschen zu langatmig und wenig abwechslungsreich. Nach dem Konzert hat sich die Musik dieser Band auf meinem Computer auf wundersame Weise vermehrt, aber trotzdem muss ganz klar gesagt werden: „Live einfach besser als wie [sic]  auf Platte!“ Das was da auf der Bühne abging, nachdem die Herren jene betreten hatten, ist ziemlich schwer in Worte zu fassen, aber machte dem Bandnamen alle Ehre. Ganz großes (Kopf-)Kino. Alles passte ganz einfach zusammen, es entstand eine spürbare Energie und man sah vor allem, dass es den Musikern auch Spaß machte. Saxophonsoli und seltsame, vom DJ erzeugte, Soundeffekte drückten sich die Klinke in die Hand, Sängerin Heidi Vogel beeindruckte mit der dritten fantastischen Gesangsstimme des Abends und der Schlagzeuger sah zwar beim Solo zocken mehr als nur grenzdebil aus, holte dafür aber so einiges aus seiner Schießbude herraus. Es war, um es kurz zu machen, eine großartige Show, die The Cinematic Orchestra boten, die mir sehr großen Spaß bereitete.

Ehe man sich versah war der Abend dann auch schon um und der Blick auf meine nicht vorhandene Armbanduhr verriet, dass es bereits halb 3 war. Die Rechnung 9 Stunden Autofahrt für 4 1/2 Stunden feinste Musik ist für mich zumindest voll aufgegangen zumal das Wochenende in Berlin noch garniert wurde durch das Wiedersehen mit Menschen allererster Güteklasse und einem äußerst interessanten Ausflug in das sehr unspektakuläre daherkommende Nachtleben Berlins. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was ich bei diesem Ausflug nach Berlin noch gelernt habe?

Sachsen-Anhalt ist das Land der Frühsaufsteher. So verkündet es zumindest ein großes Plakat an der Autobahn, wenn man dieses Bundesland verlässt. Hatte ich persönlich noch nicht gewusst.

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