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Atom, Go Home!

21/09/2010

Wenn ich mir meinen Wecker an einem Samstag auf 5 Uhr 15 stelle und dann nach guten zweieinhalb Stunden Schlaf auch noch tatsächlich mein kuscheliges und warmes Bett verlasse, um mich aus dem Haus und in die regnerische Welt eines Herbtsmorgens in Deutschland zu begeben, dann muss das schon einen triftigen Grund haben.

Zugegebenermaßen hatte ich in dem Moment, in dem mich mein Old-School Ikeawecker mit einem sowohl primitiven als auch brutalen Piepen aus dem Reich der Träume riss, doch einige Sekunden lang gewisse Zweifel an der Triftigkeit dieses Grundes – ein Gefühl, das sich noch einmal wiederholte, als ich aus dem Haus trat und ein kleiner, aber feiner Platzregen einsetzte – aber im Nachhinein betrachtet ist das selbstverständlich dem fehlenden Schlaf zuzuschreiben, denn der Grund, der mich am Samstagmorgen (oder sollte ich sagen „mitten in der Nacht“?) aus dem Bett lockte ist ein 1a-Superduper-Grund gewesen.

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ sollte es heißen, denn dort sitzen die Damen und Herren, die in dieser unserer Bananenrepublik zurzeit traurigerweise schalten und walten, und denen wollte man mal auf höfliche Art und Weise mitteilen, dass man das was sie da in Sachen Atompolitik in letzter Zeit so verbrochen haben, eher suboptimal findet. Claudia Roth hatte das auch den „heißen Herbst“ genannt, auch wenn man von dem ehrlicherweise morgens um 6 zumindest in Kassel noch nicht so viel spürte. Es war doch eher ein bisschen unterkühlt und auch die allgemeine Stimmung war vor allem verschlafen. Trotzdem hatten sich ganze 4 Busladungen Menschen am Bahnhof versammelt um nach Berlin zu fahren, was ich persönlich schonmal sehr dufte fand.

Außerdem wurde die Stimmung dann auch immer ausgeschlafener, je näher man Berlin kam und als der Bus nach über 5 Stunden Fahrt endlich durch die Straßen Berlins rollte, auf denen man schon überall Menschen mit Fahnen in Richtung Hauptbahnhof schlendern sah, war dann doch jeder froh, nicht nur den Bus verlassen zu können, sondern dass es jetzt auch endlich losgehen sollte.

Hätte man tatsächlich auch nur einen Funken Zweifel mit hierher gebracht, der sich nach dem Weckerklingeln heute morgen irgendwie gut versteckt hatte und noch nicht ausgelöscht wurde, so wäre er spätestens in dem Moment weggeblasen gewesen, in dem man den Vorplatz des Hauptbahnhofes betrat. Ein Meer aus Menschen und Fahnen wartete da in der Mittagssonne und es war ein verdammt beeindruckendes Bild. Von der Bühne kamen Protestsongs von irgendeiner uralten Band, die nichts außer Protestsongs spielen können. Diese Lieder sind zwar meistens recht stumpf und klischeehaft, aber wenn sie den Soundtrack zu dem Bild darstellen, dass sich in diesem Moment bot, funktionieren Protestsongs erstaunlich gut, und man erwischt sich schnell beim Mitsingen der recht einfach zu merkenden Texte.

Zugegebenermaßen konnte auch die anfängliche Begeisterung über die Menschenmenge und die gute Stimmung nicht verhindern, dass es nach einer Weile recht langweilig wurde auf dem Bahnhofsvorplatz, denn der Protestzug rollte doch seeehr langsam an, was zur Folge hatte, dass man sich die Beine in den Bauch stand und darauf wartete, endlich losmarschieren zu können, auch wenn das natürlich eigentlich nur ein weiteres Zeichen dafür war, wie viele Menschen sich hier versammelt hatten, was ja damit wieder eine tolle Sache ist. Öde wars aber trotzdem.

Aber man übte sich in Geduld und irgendwann ging es ja dann doch auch los. Und einmal in Bewegung gesetzt konnte auch der Platzregen, der auf einmal einsetzte und die Menschenmenge einmal komplett durchnässte, der Stimmung keinen Abbruch tun, denn nun war man endlich in Bewegung und konnte sehen, dass der Protestzug in beiden Richtung weit länger war, als man blicken konnte. Aber nicht nur sehen konnte man die Zehntausende, sondern vor allen Dingen hören. Wir waren nicht einfach nur da, sondern waren vor allen Dingen laut. Trommeln, Tröten, Sprechchöre und vor allem die ewig trillernden Pfeifen, die einfach zu großen Spaß machen, auch wenn man sich selbst damit halb taub pfeift. Als ich am Sonntagmorgen aufwachte hatte ich übrigens immer noch ein Piepen im Ohr..

Besonders laut wurde es dann, als sich der Demonstrationszug an der Parteizentrale der Atompartei FDP vorbeidrängte. Diese hieß passenderweise „Mitmachzentrum“ was sich viele zu Herzen nahmen und die Zentrale mit Anti-Atom-Aufklebern verschönerten – so hat hoffentlich auch der liebe Guido ein Andenken an die Demo, die er ja dank Flitterwochen leider verpassen musste. Dass der frisch Vermählte und die Kanzlerin klassische Feindbilder der Demonstranten waren, ist zu erwarten gewesen. „Frau Merkel, sie strahlen ja so“ las es sich da zum Beispiel auf einem Plakat. Neu auf der Popularitätsskala für Feindbilder hatte sich vor allen Dingen Minister Brüderle emporgearbeitet. Und obwohl dies natürlich eher plakative Feindbilder sind, zeigt es doch auf deutliche Art und Weise, dass die Menschen ganz einfach sauer waren, auf die Politik, die von der Koalition da betrieben wird im Moment.

Doch nicht nur die FDP-Zentrale, auch zahlreiche am Straßenrand geparkte Autos wurden unterwegs verschönert, wobei der Klassiker wohl eindeutig der Mercedesstern im „Atomkraft, Nein Danke!“-Gewand sein muss. Das kann man jetzt als Sachbeschädigung bezeichnen, aber dieser ist so unglaublich gering, dass es doch eher lächerlich wäre und ich persönlich habe eher wenig Mitleid mit dem Mercedesfahrer, der Sonntagmorgen zehn Minuten seiner kostbaren Zeit opfern musste, um Aufkleber von seinem Edelschlitten abzukratzen. Viel blöder fand ich da schon die Präsenz eines scheinbar unmöglich vermeidbaren schwarzen Blocks inmitten des Demozugs und bin doch sehr erleichtert, dass ich in keiner Zeitung von irgendwelchen Dummheiten dieser Deppen habe lesen müssen. Warum muss es eigentlich immer einige Wenige geben, die meinen, durch ihr martialisches bescheuertes Auftreten, das fröhliche bunte Gesamtbild von so vielen friedlichen Menschen kaputt machen zu müssen?

An dieser Stelle muss ich auch noch einige Worte zu den Menschen verlieren, die da am Samstag demonstriert haben. Klar, es ist ein alter Hut, den man in jeder Zeitung liest, wenn eine Anti-Atom Demo war, aber es ist eben auch die Wahrheit und außerdem ist es trotzdem immer noch toll, dass da so verschiedene Menschen auf die Straße gegangen sind. Menschen verschiedensten Geschlechts, Alters, Herkunft und Lieblingsfarbe. Außerdem glaube ich nicht nur mindestens 10 verschiedene Schuhgrößen gesichtet zu haben, sondern glaube, dass auch viele andere Hobbys hatten, als die neben denen sie da demonstriert haben.

Was ich damit sagen will? Es ist toll, Senioren neben Menschen mit kleinen Kindern demonstrieren zu sehen. Es ist schön, wie viele junge Menschen sich eben doch für Politik interessieren und es ist noch schöner Menschen, die man trotz der Bemühung, vorurteilsfrei zu denken, nicht auf einer Demo vermutet hätte, eben dort zu sehen. Es gibt ganz einfach keinen Prototypen eines Atomgegners mehr. Sandalen und Latzhosen waren gestern, das ist die Anti-Atom Bewegung 2.0

Am Ende schließlich versammelte sich die geballte Menschenmasse vor dem Reichstag um die dort eingeprägte leere Parole „Dem deutschen Volke“ mal so richtig schön ad absurdum zu führen. Hier stand das Volk vor seinem Bundestag und fühlte sich irgendwie gewaltig verarscht. Auch das Wetter war auf des Volkes Seite, denn die Sonne kam auf einmal herraus und verschönerte das Gesamtbild noch.

Schade war dabei dann bloß der Auftritt der werten Gesetzeshüter, die irgendwann genug davon hatten, fürs Nichtstun bezahlt zu werden und zeigen wollten, dass sie ja schließlich auch noch da seien. Minderwertigkeitskomplexe? Aber nein, das wäre ja eine böse Unterstellung. Eigentlich wollten uns die netten Polizisten ja nur darauf hinweisen, dass wir am völlig falschen Ort waren, da die Abschlusskundgebung schließlich vor dem Bahnhof stattfände. Wie lieb von ihnen, da sieht man doch wie sich Vater Staat um seine Kunder sorgt. Unklar blieb dabei nur irgendwie, ob sie die Schlagstöcke und Helme brauchten um diese nützlichen Infos zu verbreiten. Auf die Frage, ob ihr Auftreten nicht irgendwie einschüchternd sei, antwortete ein Beamter übrigens: „Fühlen sie sich durch uns beängstigt? Dann müssten sie jetzt bitte das Gelände verlassen.“ Wie lieb von ihm. Vielleicht bin ich aber auch nur unangemessen sarkastisch, denn eigenlich waren das auch nur missverstandene Naturfreunde, schließlich wollten sie doch nur den Rasen vor dem Reichstag schützen. Schön.

Doch auch der etwas bittere Beigeschmack des Auftrittes der Staatsschützer konnte der guten Stimmung nichts mehr anhaben. Wir waren dagewesen und die hatten sich das ganz genau angesehen. Übersehen war auch nicht so ganz möglich gewesen. Man kann immer die Frage stellen, war es das jetzt wert? Was soll demonstrieren überhaupt bringen? Ändert das überhaupt was? Aber am Samstag haben unendlich viele Menschen gezeigt, was sie denken, haben friedlich ihre demokratische Meinung kundgetan und es ist ein verdammt gutes Gefühl, Teil davon gewesen zu sein. Auch wenn das kurzfristig vielleicht keine Änderung herbeiführen wird, so ist es meiner Meinung nach doch ganz einfach elementar sich nicht alles gefallen lassen von der Regierung, und mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu bleiben. Und diese hundertausend waren ja nur die Speerspitze eines riesigen Teils der Bevölkerung, der die Schnauze voll hat vom Atomirrsinn. Es gibt Millionen weitere Deutsche, die am Samstag zwar nicht den Weg nach Berlin auf sich genommen haben, aber eigentlich den Demonstranten zustimmen. Und wer weiß, wie viele von denen beim nächsten Mal mit dabei sind, wenn sich jetzt nichts ändert…

Wütend macht mich vor allem die Aussage von FDP-Generalsekretär Christian Lindner, die Opposition spiele mit den Ängsten der Bürger. Was soll verkehrt daran sein, dass die Parteien bei der Demo am Samstag Präsenz gezeigt haben. Das sind Atomkraftgegener wie alle anderen auch, und sie geben den Bürgern, die dort demonstriert haben, nicht nur ein Sprachrohr, sondern auch die Möglichkeit, bei demokratischen Wahlen eine Entscheidung gegen die Laufzeitverlängerungen und für einen schnellen Ausstieg aus der Dinosauriertechnologie zu treffen. Die regierenden Parteien hingegen spielen nicht nur mit den Ängsten der Bürger, da sie diese Ängste gepflegt ignorieren und sich einen Kehricht um diese Ängste scheren, sondern sie spielen auch mit dem Leben der Menschen, dass ihnen weniger wert ist als Lobbyismus und die Bereicherung der Atomkonzerne. So viel zu ihnen, lieber Herr Lindner. Es wurde viel geredet auf der Bühne am Samstag, aber eine Aussage ist hängen geblieben bei mir: „Wir demonstrieren doch nicht seit 30 Jahren gegen die Atomenergie weil wir so gerne Randale machen oder weil wir nichts besseres zu tun haben. Wir demonstrieren, weil wir Angst haben vor dem Risiko durch die Atomkraft und finden, dass das nicht so weitergehen kann, Atommüll zu produzieren ohne ein sicheres Endlager zu haben.“

Der Bus war übrigens um dreiviertel zwölf wieder in Kassel und als ich gegen ein Uhr ins Bett fiel war ich der völligen Erschöpfung durch Schlafmangel nicht mehr allzuweit entfernt. Aber wenn es hätte sein müssen, hätte ich meinen Wecker sofort wieder auf 5 Uhr 15 gestellt und hätte mich am nächsten Morgen halbtot, aber voller Kampfgeist aus dem Bett gequält.

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